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Anschlag in Tel Aviv : Tödliche Botschaft für den neuen Verteidigungsminister

Nach dem Anschlag in Tel Aviv: Es herrschen Trauer, Angst und Wut. Bild: Reuters

Es ist der schlimmste Terroranschlag in Tel Aviv seit Jahren. In Israel herrscht Sorge, dies könnte der Auftakt zu einer neuen Welle terroristischer Gewalt sein. In Gaza kündigt die Hamas-Organisation bereits weitere Angriffe an.

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          Das israelische Verteidigungsministerium liegt direkt gegenüber dem Ort des jüngsten Anschlags in Tel Aviv. Von dort kam am Donnerstag Avigdor Lieberman herüber, um in dem Café, in dem erst am Abend zuvor ein Blutbad stattgefunden hatte, einen Kaffee zu trinken. Die Betreiber öffneten das Lokal schon am nächsten Tag wieder. Die gleiche Botschaft – wir lassen uns nicht einschüchtern – verbreitete auch Israels neuer Verteidigungsminister. „Wir haben nicht die Absicht, es mit Worten bewenden zu lassen“, sagte Lieberman.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Am Mittwochabend hatten in dem Lokal zwei 21 Jahre alte Cousins aus dem palästinensischen Ort Jatta Platz genommen und ein Dessert bestellt. Sie trugen schwarze Anzüge, weiße Hemden und schmale Krawatten. Einige Besucher hielten sie für strenggläubige Juden – bis sie aus ihren Taschen zwei selbstgebaute Gewehre holten und wild um sich schossen: Vier Israelis wurden in dem Kugelhagel getötet und 16 weitere Menschen verletzt, bevor einer der Attentäter angeschossen und sein Komplize in einer benachbarten Straße festgenommen wurde. Der Angriff fand in Sarona statt, einer ehemaligen landwirtschaftlichen Kolonie, die vor 140 Jahren von württembergischen Pietisten gegründet wurde und heute ein beliebtes Ausgehviertel ist.

          Das Attentat dort sei nur „die erste Überraschung für den zionistischen Feind während des islamischen Fastenmonats Ramadan“, teilte die islamistische Hamas-Organisation in Gaza mit. Der Angriff unweit des Verteidigungsministeriums und des Hauptquartiers der Armee sei auch eine Botschaft an den neuen Verteidigungsminister, dass die Intifada, die im vergangenen Herbst begonnen habe, nicht vorüber sei. Nur gut eine Woche, nachdem Avigdor Lieberman sein Amt als Verteidigungsminister angetreten hat, stellt ihn der schlimmste Terroranschlag in Tel Aviv seit Jahren vor seine erste schwere Bewährungsprobe. Bevor er der Koalition beitrat und Minister wurde, hatte der Vorsitzende der rechtsnationalen „Israel Beitenu“-Partei die Regierung von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu immer wieder dafür kritisiert, nicht hart genug gegen den palästinensischen Terror und die Hamas in Gaza durchzugreifen.

          Am Tag nach dem Anschlag reagierte Lieberman mit den üblichen Maßnahmen. Die Armee riegelte den Heimatort der beiden Terroristen ab. Mehr als 80.000 Sondergenehmigungen für Palästinenser wurden vom Sicherheitskabinett gestrichen: Anlässlich des Fastenmonats Ramadan hatte die Armee Bewohnern des Westjordanlandes und des Gazastreifens gestattet, Angehörige in Israel zu besuchen oder in der Jerusalemer Al-Aqsa-Moschee zu beten. Doch die beiden Attentäter waren nicht als Besucher nach Tel Aviv gekommen. Sie gehörten zu den zahlreichen Palästinensern, die sich illegal in Israel aufhalten, um dort zu arbeiten. Oft unterstützen ihre israelischen Arbeitgeber sie dabei, ins Land zu kommen und dort zu bleiben. Die beiden Cousins aus Jatta waren nicht die ersten palästinensischen Terroristen, die auf diese Weise nach Israel gelangt waren.

          „Einsame Wölfe“

          Am Donnerstag waren die Hintergründe der jüngsten Tat unklar. Die beiden Angreifer waren den Sicherheitsdiensten offenbar nicht bekannt. Das Lob der Hamas muss nicht bedeuten, dass sie die jungen Männer ausgerüstet und nach Tel Aviv geschickt hat. Viel spricht dafür, dass es sich wieder um zwei „einsame Wölfe“ handelte, die sich als Einzeltäter auf den Weg machten. Dabei schien die jüngste Welle der Gewalt gerade abgeebbt zu sein. Mehr als 280 palästinensische Angriffe mit Messern, Schusswaffen und Autos gab es seit dem vergangenen September. Dabei wurden 33 Israelis und vier Nicht-Israelis getötet. Im Oktober 2015 gab es oft bis zu drei Anschläge pro Tag, im ganzen Monat Mai waren es nur drei und damit ähnlich wenige Attacken wie vor dem Beginn der Anschlagsserie im Herbst.

          Israel : Tote und Verletzte bei Anschlag in Tel Aviv

          Umso größer ist nun der Schock. Zuletzt war im März an der Strandpromenade zwischen Tel Aviv und Jaffa ein amerikanischer Tourist ermordet worden. Anfang Januar hatte ein arabischer Israeli am Neujahrstag in einer Bar im Zentrum von Tel Aviv zwei Männer erschossen. Auf der Flucht tötete er einen Taxifahrer. Nach einer Woche erschossen ihn israelische Sicherheitskräfte, als er sich seiner Festnahme widersetzte. In diesen beiden Fällen gehörten die Täter ebenfalls keiner Terrorgruppe an und hatten auch nichts mit der Terrormiliz „Islamischer Staat“ zu tun. Nach Einschätzung israelischer Geheimdienstler spielten bei den meisten Attentätern persönliche Gründe die entscheidende Rolle. Der Tod als „Märtyrer“ sei für sie ein vermeintlich ehrenwerter Ausweg aus einem Leben, in dem sie verachtet oder misshandelt werden oder mit finanziellen und familiären Problemen zu kämpfen haben. Für die israelischen Sicherheitskräfte ist es daher sehr schwierig, solche Attentäter rechtzeitig zu finden, die sich keiner der bekannten bewaffneten Gruppen angeschlossen haben.

          Die meisten Anschläge wurden in der Vergangenheit mit Messern verübt, weshalb der Einsatz von Gewehren bei dem Anschlag jetzt die Sorge vor einer Eskalation wachsen lässt. Es war nicht das erste Mal, dass Palästinenser selbstgebaute „Carl Gustav“-Gewehre verwendeten. Bei nächsten Mal könnten dann tödlichere Waffen zum Einsatz kommen, befürchtet die Zeitung „Jediot Ahronot“. Vor zwei Monaten war in einem Jerusalemer Linienbus eine Bombe explodiert. Den dabei getöteten Attentäter aus Bethlehem hatte eine Hamas-Zelle ausgerüstet und losgeschickt. Weitere Anschläge während des Ramadans und darüberhinaus könnten nicht ausgeschlossen werden, teilte am Donnerstag die deutsche Botschaft in Tel Aviv in einem Sicherheitshinweis mit.

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