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Saudi-Arabien : Schritt für Schritt und Tweet für Tweet

Vom Wandel noch nicht viel zu sehen: die saudische Hafenstadt Dschidda Bild: Rainer Hermann

Statt einer Revolution findet in Saudi-Arabien ein langsamer Wandel statt. Reformer kommunizieren über soziale Netzwerke, das Königshaus lässt sie bisher gewähren.

          Hätte Abdullah gewollt, er könnte bereits an religiösen Rechtsgutachten, sogenannten Fatwas, mitarbeiten. Er hat sich aber anders entschieden, das Studium an einem Scharia-College abgebrochen und stattdessen lieber weltliches Recht studiert. „Diese Scharia-Leute haben vom Leben doch keine Vorstellung. Zu was taugen denn die überhaupt?“, fragt er kopfschüttelnd und zieht im Café in der saudischen Hafenstadt Dschidda an einer Wasserpfeife, für die er Tabak mit Vanillegeschmack bestellt hat.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Abdullah ist 25 Jahre alt. Die eine Hälfte der Saudis ist jünger, die andere älter als er. Der Jurist arbeitet in einem privaten Unternehmen, ist noch unverheiratet und ganz zufrieden mit seinem Leben. Abends trifft er sich mit Freunden entweder zu Hause, wo sie - in Saudi-Arabien gibt es weiterhin keine Kinos - oft amerikanische Blockbuster ansehen oder eben in Cafés wie diesem. Von der einen Seite ist der Wellenschlag des nahen Meeres zu hören, von der anderen das Lachen von Frauen, die nicht zu sehen sind.

          Familien betreten das Café durch einen eigenen Eingang und selbst in dem für sie abgetrennten Teil nehmen nur wenige Frauen die schwarze Abbaya vom Kopf. Einige von ihnen sitzen lässig vor einer riesigen Leinwand und verfolgen interessiert die Übertragung eines Spiels zweier saudischer Fußballmannschaften, einige rauchen Wasserpfeife. Ihre Fahrer, die entweder aus Pakistan oder Indien stammen, warten draußen in den Autos.

          Die gelebte Praxis des Islam müsse sich ändern

          Für Abdullah und seine Freunde ist die Welt im Nebenraum verborgen. Er wünsche sich, dass Frauen endlich selbst ihre Autos lenken dürfen, sagt er seufzend und legt sich die weiße Ghutra auf dem Kopf mit einer raschen Handbewegung zurecht, wie es alle Saudis tun. Auch sollten die Frauen nicht länger gezwungen werden, eine Abbaya als Ganzkörperschleier zu tragen, fährt er fort. Für saudische Verhältnisse klingt diese Worte revolutionär. Und doch kann Abdullah den Revolutionen in der arabischen Welt nicht viel abgewinnen.

          „Das sind doch alles Misserfolge, die wir hier nicht wiederholen wollen“, sagt er und erntet die Zustimmung seiner Freunde. Wandel müsse schrittweise kommen. Die Geduld auf ihn zu warten, fällt freilich der wohlhabenden Mittelschicht leichter. „Wäre ich in diesem Land arm, würde ich vielleicht auch radikal“, sagt Abdullah verständnisvoll. Nebenbei schreibt er einen Beitrag auf der Internetplattform Twitter für seine Anhänger. „In diesem Land sind vor dem Gesetz ja nicht alle gleich“, sagt er und kritisiert dann den Lebensstil der vielen Prinzen der königlichen Familie.

          An einem aber will Abdullah festhalten: am Islam, an seiner Religion. Islam bedeute ja, sagt der frühere Student am Scharia-College, gleiche Chancen für jeden und Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Wenn das heute so nicht praktiziert werde, sei es verwerflich. Also, folgert Abdullah, müsse sich nicht nur Saudi-Arabien ändern, sondern auch die gelebte Praxis seiner Religion. Denn so lange viele seiner Landsleute glaubten, die besten aller Muslime zu sein, käme das Land nie vorwärts, sagt Abdullah.

          „Jetzt existieren wir!“

          Maha, eine junge saudische Frau, ist in ihr Heimatland zurückgekehrt, obwohl auch sie es als rückständig wahrnimmt. Ein Jahr hatte die 24-Jährige mit ihrem Mann, den sie sich selbst ausgesucht hatte und von dem sie nun geschieden ist, in den Vereinigten Staaten gelebt. Sie war dort Auto gefahren und hatte sich frei bewegt. In Saudi-Arabien gehört sie zu den 10 Prozent der Frauen mit einem Universitätsabschluss, die außerhalb des Haushalts arbeiten. Eine schwere Tür trennt auch in ihrem Unternehmen den Bereich der Frauen von dem der Männer. Betreten sollte ein Mann den Frauen-Bereich nur, wenn er einen guten Grund dafür hat.

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