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Satellitenbilder : In Syrien gehen die Lichter aus

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Satellitenbilder von 2011 (links) und 2015 zeigen, dass durch die Zerstörung der Infrastruktur die Beleuchtung der Städte und Dörfern Syriens ausgeht. Bild: withSyria

Weite Teile Syriens liegen nach vier Jahren Bürgerkrieg in Trümmern. Sogar aus dem Weltall ist das Ausmaß der Zerstörung zu sehen - denn in dem Land gehen buchstäblich die Lichter aus.

          Der Bürgerkrieg in Syrien stürzt das Land buchstäblich in die Finsternis. Seit Beginn des Konfliktes vor vier Jahren liegen inzwischen 83 Prozent des Landes nachts in Dunkelheit, wie eine Auswertung von Satellitenbildern seit 2011 ergab. „Die Menschen in Syrien sitzen buchstäblich im Dunkeln“, sagte der Generalsekretär von Care Deutschland-Luxemburg, Karl-Otto Zentel, laut einer Mitteilung vom Donnerstag. In den am schlimmsten betroffenen Gebieten wie Aleppo sind 97 Prozent der Beleuchtung inzwischen erloschen.

          „Die seit vier Jahren andauernde Gewalt hat die Infrastruktur in weiten Teilen des Landes zerstört und die Stromversorgung drastisch reduziert“, sagt Zentel. „Häuser, Straßen, Schulen und Krankenhäuser sind dem Erdboden gleichgemacht.“ Mehr als 200.000 Menschen seien bereits umgekommen. Mehr als elf Millionen Menschen hätten ihre Häuser verlassen müssen und seien auf der Flucht.

          „Satellitenbilder sind objektive Daten. Sie zeigen die Verwüstung im ganzen Land“, sagte Dr. Xi Li von der Wuhan Universität in China, der den Angaben zufolge das Auswertungsprojekt leitete. „800 Kilometer von der Erde aufgenommen, helfen uns diese Bilder, das Ausmaß der Verzweiflung und des Leides, das Syrer jeden Tag durchleben müssen, besser zu verstehen.“

          An dem Projekt beteiligte sich dem Bericht zufolge neben den Wissenschaftlern der Wuhan Universität in China die aus 130 Hilfsorganisationen bestehende #withSyria-Koalition, darunter Care, Welthungerhilfe und Johanniter-Auslandshilfe.

          Vier Jahre nach Beginn des Bürgerkriegs forderten auch andere Hilfswerke, Bischöfe und die Vereinten Nationen mehr Hilfen für das Syrien. Die katholischen Bischöfe des Heiligen Landes warnten davor, dass die Ressourcen der Caritas für die Flüchtlingshilfe in Jordanien immer weiter zurückgingen. Unterdessen schwinde die Hoffnung der Flüchtlinge auf Rückkehr in ihre Heimat, so die Bischöfe in der am Donnerstag veröffentlichten Abschlusserklärung zum Ende ihrer Frühjahrsvollversammlung.

          Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) sprach von „sich alarmierend verschlechternden Bedingungen“ für die Flüchtlinge. Die Nachbarländer mit dem Problem alleinzulassen, könne zu einer „schwerwiegenden regionalen Destabilisierung“ führen, warnte Flüchtlingshochkommissar Antonio Guterres in Genf. Einige Nachbarländer drosselten bereits die Einreise durch neue Grenzbestimmungen oder Bleiberegelungen. In Europa würden Flüchtlinge mit Sicherheitsbedenken und einem „Klima wachsender Panik“ konfrontiert.

          Nach Jahren im Ausland seien die Rücklagen der Flüchtlinge erschöpft, so Guterres weiter. Immer mehr versuchten ihren Lebensunterhalt durch Betteln, Prostitution und Kinderarbeit zu verdienen. Hilfsprogramme seien „systematisch unterfinanziert“. Bis Ende 2014 habe das UNHCR nur 54 Prozent der benötigten Gelder für Flüchtlingshilfe in den Syrien-Anrainerstaaten aufbringen können.

          Das UN-Kinderhilfswerk Unicef sprach sich dafür aus, die humanitäre Hilfe für Flüchtlingskinder aufzustocken und gezielt in Bildungsprojekte und psychosoziale Hilfen für Kinder und Jugendliche zu investieren. Rund 14 Millionen syrische Kinder seien auf der Flucht, 114.000 wurden seit Beginn des Syrien-Konflikts als Flüchtlinge geboren, so das Hilfswerk in Berlin. Die Lebenspartnerin von Bundespräsident Joachim Gauck und Schirmherrin von Unicef Deutschland, Daniela Schadt, sagte, dass humanitäre Hilfe allein keinen Krieg beenden könne. Unter den syrischen Flüchtlingskindern drohe, eine „verlorene Generation“ heranzuwachsen.

          Wie der Geschäftsführer von Unicef Deutschland, Christian Schneider, erklärte, sind allein in den Libanon eine halbe Million syrischer Kinder geflohen. Die örtlichen Schulen würden dadurch vor massive Herausforderungen gestellt. Die Leiterin von Unicef Syrien, Hannaa Singer, verwies darauf, dass im Syrienkonflikt deutlich mehr Kinder als in vergleichbaren Konflikten psychische Traumata erlitten hätten.

          In Syrien seien 50.000 Lehrer im Bürgerkrieg getötet worden, nur ein Drittel aller Krankenhäuser arbeite noch, etwa die Hälfte der Wasserversorgung funktioniere. „Gerade die Kinder sind zu hilflosen Opfern des Konflikts geworden“, sagte Singer.

          Das Hilfswerk SOS-Kinderdörfer forderte abermals weltweite Schutzzonen für Kinder und die Garantie, eine Schule in Sicherheit besuchen zu können. Die Menschen in Deutschland dürften nicht ihre Augen vor dieser Katastrophe verschließen, so die Organisation in München.

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