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Resozialisierung : Wiedereingliederung de Luxe für Dschihadisten

  • -Aktualisiert am

Immer schön aufpassen: Saudische Dschihadisten im Rehabilitationszentrum von Riad Bild: Corbis

Saudi-Arabien lobt eine Amnestie für freiwillige Dschihad-Rückkehrer aus. Eine Bedingung dafür ist der Besuch eines Wiedereingliederungslagers.

          Das Klassenzimmer steht leer, von der nagelneuen Tafel ist nicht einmal die Plastikfolie abgezogen worden. Ein paar Stühle sind an die hintere Wand geschoben, auch sie noch verpackt. Die Tische in der Mitte des Raumes sehen ebenfalls nicht so aus, als ob je eine Person daran gesessen hätte. „Die Insassen sind übers Wochenende bei ihren Familien“, sagt Ahmad Hamad Jelan, der Leiter des „Muhammad Bin Nayef Zentrums für Beratung und Betreuung“ am Rande der saudischen Hauptstadt Riad. „Wenn sie wieder zurück sind, nehmen sie selbstverständlich am Unterricht teil.“

          Seit neun Jahren betreibt das saudische Innenministerium das Rehabilitationslager zur Reintegration reumütiger Dschihadisten. Seit einigen Monaten ist die Einrichtung in dem von hohen Mauern versehenen Gelände nördlich der Hauptstadt untergebracht. Sie bietet Platz für 250 ehemalige Gefangene; für Männer und ein halbes Dutzend Frauen, denen nach Absitzen ihrer Haft behutsam der Weg zurück in die Gesellschaft geebnet werden soll. Dafür scheut das Herrscherhaus, das sich seit September mit Kampfflugzeugen an der Koalition gegen den „Islamischen Staat“ (IS) beteiligt, offenbar keine Kosten und Mühen.

          Ein neues Zuhause für 321 Heimkehrer

          Doch ob die Doppelstrategie zur Bekämpfung der Dschihadisten Erfolg hat, ist angesichts der ausbleibenden Erfolge des amerikanisch-arabischen Kampfbündnisses zweifelhaft. Mit eigenen Einheiten greift das vom Erstarken des IS unmittelbar betroffene Wahhabiten-Reich mittlerweile direkt ins Kampfgeschehen in Syrien ein – und versucht zu Hause dennoch weiter, auf „sanfte“ Tour ein weiteres Erstarken der Extremisten zu verhindern.

          „Wir versuchen, den Rückkehrern ein neues Zuhause zu geben“, sagt Jelan, während er über das Gelände führt. 321 Männer, die in Syrien kämpften, seien in den vergangenen zehn Monaten nach Saudi-Arabien zurückgekehrt, heißt es aus dem Innenministerium. Allein 135 seien es gewesen, nachdem König Abdullah im Februar eine Amnestie für freiwillige Rückkehrer ausgelobt hatte.

          Das Wiedereingliederungszentrum, das weit weg von den Schrecken des Krieges liegt, hat ein breites Freizeitangebot: Fitnessgeräte und Tischtennisplatten stehen neben den Wohnbereichen. Nur der Kunstrasen auf dem Fußballplatz in der Mitte der Anlage sei noch nicht verlegt, sagt Jelan. Auch die überdachten Schwimmbecken, die zwischen den Wohntrakten der Dschihad-Rückkehrer liegen, sehen nicht so aus, als ob hier viel Betrieb herrschen würde. Grün schimmert das Wasser, in das offenbar schon lange niemand mehr hinein gesprungen ist.

          Ein integrativer Ansatz für die selbsternannten Gotteskrieger

          Lediglich 21 Insassen hat das Zentrum derzeit. Der Leerstand in der saudi-arabischen Vorzeigeeinrichtung zur Entradikalisierung junger Dschihadisten könnte damit zusammen hängen, dass sich die Zielgruppe inzwischen erheblich gewandelt hat. Als Riad das Reha-Camp 2005 gründete, standen vor allem Rückkehrer aus dem amerikanischen Gefangenenlager Guantánamo im Visier der Sicherheitsbehörden.

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