https://www.faz.net/-gq5-xsq2

Proteste in Ägypten : Zuerst Tunis - jetzt Kairo

Volk, Macht und Touristen: Die Interessen des Westens in Ägypten dürfen nicht an der aktuellen Lage vorbeigehen Bild: dpa

Die Demonstranten in Ägypten orientieren sich an denen in Tunesien. Sie fordern Teilhabe, Freiheit und wahre Demokratie. Der Westen, der sich bislang vor allem um die Stabilität in der Region sorgte, muss seine Haltung zu den alten Machthabern überdenken.

          4 Min.

          Es steht dahin, ob der Diktatorensturz in Tunesien tatsächlich einen Dominoeffekt in der arabischen Welt haben wird, den die einen erhoffen und die anderen befürchten. Immerhin werden die Demonstrationen in Ägypten mit den Protesten in Tunis in Verbindung gebracht, von denen sie inspiriert worden seien. Sie sind jedenfalls bislang die größten in der Region und richten sich gegen den Präsidenten Mubarak, dessen Herrschaft ebenso autoritär wie verkrustet ist und der Wahlen allenfalls zum Schein abhalten lässt. Die Parallele zu Tunesien, einschließlich des Verlangens nach Teilhabe, Freiheit und wahrer Demokratie, ist offenkundig.

          Klaus-Dieter Frankenberger

          verantwortlicher Redakteur für Außenpolitik.

          Was sich im Moment im Süden des Mittelmeeres abspielt, also in unmittelbarer Nachbarschaft europäischer Länder, wirft - neben den Spekulationen über einen Ansteckungseffekt - die Frage nach der Haltung des Westens, seinem Verhältnis zu den alten Machthabern und seinem Einfluss auf den Gang der Dinge auf. Im Falle Tunesiens hat der französische Präsident Sarkozy faktisch zugegeben, dass Frankreich zu lange auf der falschen Seite gestanden und die Lage falsch eingeschätzt habe. Mit dieser Einschätzung stand er nicht allein, auch andere waren von der Wucht der politischen und sozialen Proteste überrascht.

          Der amerikanische Patron im Zwiespalt

          Im Falle Ägyptens ist es in erster Linie der amerikanische Patron, der in einem Zwiespalt steckt: Ägypten gilt als moderat, was den Nahostkonflikt und das Verhältnis zu Israel angeht; es ist militärischer und entwicklungspolitischer Klient Amerikas, Verbündeter im Antiterrorkampf und wird von vielen amerikanischen Touristen besucht. Gleichzeitig sind sich die Regierenden in Washington nicht im Unklaren über die innere Verfassung des Landes und den Charakter des Regimes Mubarak. Das Weiße Haus rief die ägyptische Regierung dazu auf, die Proteste nicht - mit Gewalt - niederzuschlagen. Außenministerin Clinton beeilte sich zu versichern, Amerika halte die Kairoer Regierung für gefestigt, sie bemühe sich, eine Antwort auf die legitimen Interessen und Bedürfnisse des ägyptischen Volkes zu finden. Trotz der Proteste sei Ägypten jedenfalls stabil.

          Historische Rede: Barack Obama verlässt im Juni 2009 die Bühne der Universität in Kairo, auf der er gerade geredet hat

          Stabilität beschreibt ein Schlüsselinteresse, das die Vereinigten Staaten mit dem bevölkerungsreichsten arabischen Land - und nicht nur mit diesem, man denke an Saudi-Arabien - verbinden. Aber es war die Regierung Bush, die, unter dem Eindruck der Terroranschläge vom "11. September" und geleitet von den politischen Schlussfolgerungen, die sie daraus zog, dieses Schlüsselinteresse aufzugeben bereit war, wenigstens nicht mehr als überragend betrachtete. Im Juni 2005 hielt die damalige Außenministerin Condeleezza Rice an der Amerikanischen Universität von Kairo eine Rede, in der sie in kaum verhüllter Kritik an den politischen Zuständen in der Region im Allgemeinen und in ihrem Gastland im Besonderen zur Verbreitung der Demokratie aufrief. Demokratie und Freiheit waren ja die Schlüsselmotive der zweiten Amtsperiode des Präsidenten George W. Bush, der, Traditionsbestände Wilsons aufpolierend, darin auch die Antwort auf die islamistische Bedrohung sah. Sechzig Jahre lang, so sagte Frau Rice damals, hätten die Vereinigten Staaten Stabilität auf Kosten der Demokratie im Mittleren Osten verfolgt - bekommen hätten sie weder das eine noch das andere. "Jetzt schlagen wir einen anderen Kurs ein. Wir unterstützen die demokratischen Aspirationen aller Leute." Und dann sagte Frau Rice noch, dass in der Region der hoffnungsvolle Prozess demokratischen Wandels beginne.

          Topmeldungen

          Parteitag stimmt zu : Die SPD sagt vorerst Ja zur Groko

          Der Leitantrag zum Fortbestand der Großen Koalition findet auf dem Parteitag in Berlin eine breite Unterstützung: Die Genossen wollen ihre neuen Vorsitzenden stärken. Die sollen nun Gespräche mit der Union suchen.

          Merkel in Auschwitz : Die Bausätze des Hasses

          Die Lehre von Auschwitz lautet: Wehret den Anfängen! Schon die Vorgeschichte des Holocausts muss den Anhängern der freiheitlichen Demokratie daher eine Warnung sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.