https://www.faz.net/-gq5-7awqh

Proteste in Ägypten : Verhärtete Fronten

Ein Jahr ist der Islamist Muhammad Mursi im Amt des ägyptischen Präsidenten, und die Fronten sind härter denn je. Die Ägypter brauchen die Bereitschaft beider Seiten für eine konstruktive Zusammenarbeit.

          1 Min.

          Ein Jahr ist der Islamist Muhammad Mursi im Amt des ägyptischen Präsidenten, und die Fronten sind im Land so verhärtet wie zu keinem Zeitpunkt seit dem Sturz Mubaraks. Jeder Akteur beansprucht, allein für das Volk zu sprechen: der Präsident, der auf seine Wahl vor einem Jahr verweist; die Opposition, die so tut, als verkörpere sie die gesamte Gesellschaft; die Armee, die „zum Wohl des Volkes“ eingreifen will, sollte die Gewalt in diesen Tagen eskalieren.

          Die Ägypter haben in den fast dreißig Monaten seit dem Sturz von Husni Mubarak erleben müssen, wie jeder der beiden großen Akteure versucht, den anderen auszuschalten, anstatt dass sie aufeinander zugingen, um so das Land gemeinsam voranzubringen.

          Die Regierung glaubt, ihre Mehrheit bei den Wählern stelle ihr einen Freibrief aus; unklug boykottiert die Opposition alle Wahlen, will durch eine Unterschriftenkampagne aber glauben machen, dass das ägyptische Volk ja eigentlich hinter ihr stehe. Die beiden Seiten gehen nicht aufeinander zu, jede glaubt, die Armee werde letztlich ihr zum Sieg über die Gegenseite verhelfen. Die Armee aber tut gut daran, nicht noch einmal Verantwortung zu übernehmen. Schließlich hatten alle Ägypter vor genau einem Jahr aufgeatmet, als sich die Militärs in die Kasernen zurückzogen.

          Ein Jahr der verpassten Gelegenheiten

          Das erste Jahr Mursi war ein Jahr der verpassten Gelegenheiten. Fehler haben sowohl der Präsident als auch die Opposition gemacht. Präsident Mursi drückte gegen den Widerstand der Opposition eine umstrittene Verfassung durch, er hält an einer erfolglosen Regierung fest und ist weiter dem geheimnisvollen, undurchsichtigen Verhalten der Muslimbruderschaft verhaftet, die auf achtzig Jahre Erfahrung im Untergrund zurückgreifen kann.

          Die Opposition hingegen hat bisher jede Einladung Mursis zum Dialog und jedes Angebot zur Mitarbeit kategorisch ausgeschlagen, nun beschwert sie sich über die Islamisierung der ägyptischen Bürokratie. Zudem bedient sie sich Repräsentanten des alten Regimes, die - finanziell unterstützt von den Golfstaaten - eine Normalisierung Ägyptens sabotieren. Die Ägypter brauchen ihren eigenen Friedensprozess und die Bereitschaft beider Seiten für eine konstruktive Zusammenarbeit. So lange sie dazu nicht bereit sind, werden sie weiter dort feststecken, wo sie mit dem Sturz Mubaraks angefangen haben.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Folgen:

          Topmeldungen

          Baerbock oder Habeck : Wer kann besser Kanzler?

          Am Montag verkünden die Grünen, wen sie ins Rennen um das Kanzleramt schicken. Wer sich durchsetzt, ist offen. Beide Kandidaten haben Schwächen.
          Lange dürften Franz Marcs „Füchse“ nicht mehr im Düsseldorfer Museum Kunstpalast hängen. Im Kulturausschuss hat der Magistrat am 15. April vorgeschlagen, die Empfehlung der Limbach-Kommission zu befolgen und das Bild herauszugeben.

          Limbach-Kommission : So wird jetzt fast alles Raubkunst

          Eine stillschweigende Änderung der Spruchpraxis: Mit ihrer Empfehlung zu Franz Marcs „Füchsen“ im Düsseldorfer Museum Kunstpalast setzt die Limbach-Kommission ihre Legitimität aufs Spiel.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.