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Kampf gegen IS : „Mit den G36 könnten wir alle Peschmerga ausrüsten“

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Kurdische Peschmerga-Kämpfer in Erbil, wo sie von Soldaten der Bundeswehr für den Kampf gegen die Terrormiliz „Islamischer Staat“ geschult werden. Bild: dpa

Der irakisch-kurdische Peschmerga-Minister Qadir wünscht sich für den Kampf gegen den IS mehr Waffen aus Deutschland: Nicht nur neue Milan-Raketen, sondern auch die G36-Sturmgewehre, die die Bundeswehr ausmustern will. Mit Qadir sprach in Arbil Markus Bickel.

          Herr Minister, der Krieg gegen den Islamischen Staat (IS) dauert nun schon zehn Monate an. Wie stark ist es den Peschmerga in dieser Zeit gelungen, die Terrorgruppe zu schwächen?

          Als sie im vergangenen Sommer Mossul einnahmen, waren die IS-Kämpfer sehr stark. Sie rückten mit schweren Waffen aus Syrien ein und erbeuteten in Mossul, Tikrit und anderen Städten weiteres Gerät aus den Kasernen der irakischen Armee. Dadurch waren sie sehr gut ausgerüstet. Damals waren wir nicht vorbereitet auf diesen Krieg, so dass wir uns zuerst zurückziehen mussten. Durch die Hilfe Amerikas und der Alliierten ist es uns seitdem gelungen, den Vormarsch des IS zu stoppen und die lange Grenze von 1050 Kilometern zu verteidigen.

          Aber der Krieg geht weiter. In die Offensive gehen konnten die Peschmerga bisher nicht?

          Gemeinsam mit den Amerikanern arbeiten wir an einem Plan, das zu schaffen. Und schon jetzt ist es uns gelungen, 20.000 Quadratkilometer Territorium zurückzuerobern. Wir haben dem IS schwere Verluste zugefügt, seit vergangenem Sommer haben sie mehr als 8500 Mann verloren. Der IS ist erheblich geschwächt, dennoch ist er nach wie vor sehr gefährlich.

          Wie groß sind die Verluste auf Ihrer Seite?

          1200 Peschmerga sind gefallen, außerdem haben wir 5900 Verletzte zu beklagen. Hinzu kommen 59 Kämpfer in den Händen des IS, von denen wir nicht wissen, ob sie noch leben. Die meisten Verluste hatten wir zu Beginn des Krieges, als Selbstmordattentäter in unsere Reihen gestürmt sind oder mit Sprengstoff beladene Lastwagen und Pickups auf unsere Einheiten zurasten. Inzwischen haben wir uns auf den Gegner besser eingestellt – auch dank der deutschen Milan-Lenkraketen können wir jetzt besser auf die Angriffe reagieren.

          Wieviele Peschmerga sind entlang der 1050 Kilometer langen Grenze Kurdistans im Einsatz?

          60.000 Kämpfer sind stets an der Front präsent. Sie wechseln sich Woche für Woche mit der gleichen Zahl von Soldaten ab – das macht insgesamt 120.000 aktive Soldaten. Hinzu kommen weitere 60.000 Peschmerga, die im Notfall als Reserve umgehend mobilisiert werden können.

          Brauchen ihre Kämpfer mehr Waffen?

          Selbstverständlich. Unsere Bestände stammen größtenteils noch aus der Zeit des Regimes von Saddam Hussein. Sie sind veraltet, so dass wir modernere Waffen benötigen. Da die Regierung in Bagdad uns nicht hilft, und wir bis zum letzten Jahr nicht selbst importieren durften, ist unser Bedarf weiter sehr groß. Deshalb haben wir die Amerikaner um Unterstützung gebeten.

          Was kann Deutschland für Sie tun?

          Wir haben Verteidigungsministerin von der Leyen eine Liste überreicht, auf der unsere Wünsche genau aufgeführt sind. Die Ausbildung unserer Peschmerga-Kämpfer sollte fortgeführt werden, außerdem benötigen wir weitere Waffen und Ausrüstung für die Soldaten.

          Ist das Training, das die Bundeswehr durchführt, ausreichend?

          Wir sind damit sehr zufrieden. Aber wir freuen uns auch, wenn es ausgeweitet wird.

          An welchen Waffensystemen haben Sie Bedarf?

          Wir benötigen Panzer und panzerbrechende Waffen, aber auch Hubschrauber. Die sind sehr wichtig für uns, weil der IS nach wie vor über modernes Gerät verfügt, das er aus Beständen der syrischen und irakischen Armee geplündert hat. Was wir außerdem brauchen, sind Technik und Knowhow zur Räumung verminter Gebiete.

          Die Bundeswehr will 180.000 G36-Sturmgewehre ausrangieren, die wegen mangelnder Zielgenauigkeit nicht mehr benutzt werden sollen. Würden die Peschmerga diese nehmen?

          Wir sind schon jetzt sehr dankbar für die Hilfe aus Deutschland. Mit diesen 180.000 Gewehren könnten alle unsere Peschmerga ausgerüstet werden, auch wenn ich natürlich die Details noch prüfen müsste.

          Haben Sie mit Verteidigungsministerin von der Leyen über die G36-Gewehre bereits gesprochen?

          Nein, noch nicht.

          Bis Ende des Monats will die Bundeswehr dreißig weitere Milan-Lenkraketensysteme nach Kurdistan liefern, dreißig sind bereits da. Reicht das, um Ihre Grenzen zu verteidigen?

          Nein, das reicht nicht. Wir brauchen mehr davon.

          Wieviele mehr?

          Je mehr, desto besser.

          Momentan gibt es schwere Kämpfe in der Anbar-Provinz im Westen Iraks um die Stadt Ramadi. Wird es bis Ende 2015 eine Rückeroberung von Mossul geben?

          Die irakische Armee hat Tikrit wieder unter Kontrolle. Auch Mossul wollen wir dem Islamischen Staat noch in diesem Jahr entreißen. Die Planungen haben begonnen, wir werden gemeinsam und mit allen verfügbaren Kräften vorgehen – Peschmerga, irakische Armee und amerikanische Luftwaffe. Niemand kann Mossul alleine erobern.

          „Je mehr Waffen, desto besser“, sagt der kurdische Peschmerga-Minister Mustafa Sayid Qadir.

          Nach Schätzungen des Pentagon verfügt die irakische Armee nur noch über gut 50.000 kampffähige Soldaten. Die angebliche Truppenstärke von 250.000 existiert nur auf dem Papier. Was können Sie an der Seite einer solchen Geisterarmee gegen den IS ausrichten?

          Kein Zweifel, die irakische Armee ist längst nicht so stark wie immer behauptet. Die tatsächlich kampffähigen Einheiten jedoch sind für uns gute Bundesgenossen. Die Rückeroberung von Mossul liegt nicht nur im Interesse der Regierung in Bagdad, sondern auch in unserem Interesse als Kurdistan. Beim Islamischen Staat kämpfen inzwischen tausende Männer und Frauen mit, die aus allen Teilen der Welt stammen. Wenn wir Mossul befreien, tun wir das nicht nur für uns, sondern auch für Europa und für die gesamte Welt.

          Bei der Operation in Tikrit waren auch schiitische Milizen beteiligt, die sich an der sunnitischen Bevölkerung gerächt haben. Sollen die auch in Mossul mitkämpfen?

          Das haben wir bisher im Detail noch nicht ausgehandelt, aber solche Dinge sollten sich nicht wiederholen. Die Politik der schiitischen Regierung in Bagdad unter dem früheren Ministerpräsidenten Nuri al Maliki hat sehr zu dem Erfolg von IS beigetraten. Im zurückliegenden Jahr 2014 hat die Zentralregierung Kurdistan sogar die Budgetüberweisungen komplett gestrichen, wir können unseren Peschmerga seit drei Monaten kein Gehalt mehr zahlen. Bagdad hat uns jetzt versprochen, dass die Gelder wieder fließen.

          Neben ihrem Schreibtisch stehen die irakische und die kurdische Fahne nebeneinander. Wenn wir in drei Jahren wiederkommen, wird dann nur noch die kurdische Fahne dort stehen?

          Drei Jahre sind zu früh, auch fünf Jahre. Unser Ziel bleibt ein unabhängiges Kurdistan. Das wollen wir nicht mit Gewalt und Krieg durchsetzen, sondern mit demokratischen Mitteln.

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