https://www.faz.net/-gq5-7b7m8

Palästina-Reportage : Gaza kocht

Laila el Haddad hat eigentlich keine Zeit. Ihre fünfjährige Tochter quengelt, aber die Frau mit den neugierigen Augen will unbedingt noch in den neuen Bioladen an der Al-Quds-Straße. Bis vor kurzem gab es ungespritztes Obst und Gemüse nur auf einem Bauernhof außerhalb der Stadt zu kaufen. Jetzt verspricht ein Plakat im Schaufenster des neuen Ladens im Stadtzentrum, dass alle Produkte „garantiert chemiefrei“ sind. Dafür sind die Auberginen, Tomaten und Kartoffeln einen Schekel teurer als bei der konventionellen Konkurrenz nebenan. „Die Gurken sind lecker. Aber es fehlt das frische Obst“, kritisiert Laila el Haddad, die Autorin von „Gaza kitchen“.

„Niemand verhungert, aber es kommt vor, dass die Leute hungrig zu Bett gehen und die Kinder ohne Frühstück in die Schule kommen“

So heißt das erste englische Kochbuch aus Gaza. Darin sind nicht nur Rezepte zu finden. Laila el Haddad und ihre Mitautorin Maggie Schmitt waren in unzähligen Küchen zwischen Bait Lahia im Norden und Rafah im Süden an der ägyptischen Grenze. Sie ließen sich von den Frauen die alten Familiengerichte zubereiten und führten dabei lange Küchengespräche. „Anfangs waren sie überrascht darüber, dass wir mit ihnen nicht über Politik, sondern über ihre Linsengerichte sprechen wollten“, erinnert sich Laila el Haddad. Es dauerte nicht lange und die Köchinnen erzählten nicht weniger leidenschaftlich darüber. Kamen Nachbarinnen dazu, gab es oft hitzige Debatten. Zum Beispiel über die Frage, ob man die Zwiebeln am Anfang oder erst am Ende hinzufügen soll.

Keine Chance gegen israelische Importe

Laila el Haddad lebte nur wenige Jahre in Gaza, wo ihre Eltern herkommen. Heute wohnt sie mit ihrem Mann und den drei kleinen Kindern in Maryland. Der sommerliche Familienbesuch ist für sie immer auch eine Forschungsreise, auf der sie dieses Mal am Tag vor der Heimreise den neuen Bioladen entdeckt. „Durch das Essen habe ich die Verbindung zu meinem Erbe und meiner Identität aufrechterhalten, egal, wo ich gerade war“, sagt die 35 Jahre alte Palästinenserin. Sie wuchs in Kuweit und Saudi-Arabien auf, wo auch viele andere palästinensische Flüchtlinge Arbeit fanden. Mit gefüllten Auberginen oder einem Salat aus gegrillten Wassermelonen lässt sich auch in der Ferne das Heimweh lindern - solange die Mahlzeit dauert.

In den Küchen in Gaza blieb die Zeit aber nicht stehen. Manche möchten dort nicht missen, was sie im Ausland gerne aßen. Im Mai lieferte sogar ein Kurierdienst gegrillte Hähnchen einer amerikanischen Imbisskette aus Ägypten. Aus „gesundheitspolizeilichen Gründen“ verbot die Hamas-Regierung aber bald den Schmuggel. Nach ihrer langen Reise waren die Hühner-Nuggets kalt und klebrig, wenn sie in Gaza auf den Tisch kamen. Im Alltag haben die Hausfrauen gelernt zu improvisieren. Mehrere Jahre lang gestatteten die Israelis nicht die Einfuhr von Nudeln und Ketchup. Die Armee war der Ansicht, dass das zu extravagant für den Speisezettel in Gaza gewesen wäre - einst war der Hafen der Stadt ein wichtiger Umschlagplatz an der Gewürzstraße, die von Asien nach Europa führte. Bei einem früheren Besuch fiel Laila el Haddad auf, dass viele Frauen auf einmal mit Thai-Ingwer kochten. Sie fragte nach und fand heraus, dass er in großen Mengen aus Israel kam. Dort hatten Geschäftsleute die Begeisterung für thailändisches Essen überschätzt und den Gewürzüberschuss einfach nach Gaza weiterverkauft. „Das passiert oft. Die Israelis kippen ihr Überangebot einfach in Gaza ab“, sagt die Autorin.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.