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Palästina : Boykott, Sanktionen und Desinvestition

Auf dem Podium hat im schwarzen Ornat und mit vollem Bart auch der griechisch-orthodoxe Erzbischof Atallah Hanna Platz genommen. „Palästina gehört den Palästinensern und nicht den Besatzern, die das Land ausplündern“, sagt Hanna und seine Zuhörer applaudieren. Solange das geschehe, könne es keine „normalen“ Beziehungen zu Israelis geben. Den palästinensischen Kampf gegen eine „Normalisierung“ der Kontakte lässt an diesem Tag kaum einer der Redner aus, die aus dem ganzen Westjordanland gekommen und über eine wackelige Internetverbindung auch aus dem Gazastreifen zugeschaltet sind. Ein Mitglied der palästinensischen Postgewerkschaft ist ebenso dabei wie Vertreter von Frauengruppen, Bauern und Reiseunternehmer. Auf den orangefarbenen Plastikstühlen zwischen den Kletterwänden und Basketballnetzen der Halle sitzen Frauen mit Kopftuch und palästinensischer Tracht neben Studentinnen in engen Jeans. Einige Männer tragen Sakkos, andere legere T-Shirts mit politischen Slogans. Unter den Teilnehmern sind aber auch einige linke Israelis, die die Besatzung der Palästinensergebiete ablehnen.

Boykott israelischer Produkte

Einen ganzen Tag lang diskutiert man über erste Erfolge und neue Strategien - zum Beispiel über „G4S“: Einer arabischen Kampagne gelang es, das größte Sicherheitsunternehmen auf der Welt dazu zu bringen, von 2015 an darauf zu verzichten, im Westjordanland israelische Kontrollpunkte, eine Polizeistation und ein Gefängnis zu bewachen. Eine andere Initiative ruft dazu auf, nicht mehr in die Firma Caterpillar zu investieren, die Planierraupen herstellt, die auch die israelische Armee einsetzt.

„Unser Sieg hängt am Ende von jedem Einzelnen von uns ab“, mahnt eine Rednerin und verlangt, darüber nachzudenken, was die Bewohner in den Palästinensergebieten selbst tun können. Es wird über den Boykott israelischer Produkte in palästinensischen Supermärkten und „ethischen Tourismus“ debattiert; man will ausländische Pilger davon überzeugen, keine israelischen Reiseveranstalter mehr zu nutzen. Andere warnen vor Jugendprojekten, an denen Palästinenser und Israelis teilnehmen. Die Teilnehmer würden mit Stipendien und Auslandsreisen angelockt, sagt Ziad Schuaibi. Israelis versuchten mit „sozialer Manipulation“ den Eindruck zu erwecken, als gäbe es so etwas wie normale Beziehungen. „Aber wir werden es nicht zulassen, dass sie auch noch unsere Zukunft besetzen“, sagt Schuaibi.

Auch Mitglieder der palästinensischen Regierung und ein PLO-Vertreter sind nach Bethlehem gekommen. Doch die Führung in Ramallah tut sich schon eine Weile schwer, die Palästinenser von ihrer Politik zu überzeugen. Vor zwei Jahren warf Ministerpräsident Salam Fajad zu Beginn einer Boykottkampagne israelische Produkte in ein großes Feuer. Doch die Initiative blieb ähnlich folgenlos wie seine Ankündigung, dass bald keiner der 30.000 Palästinenser mehr in einer israelischen Siedlung arbeiten werde. Im vergangenen Jahr knüppelten Polizisten in Ramallah zweimal Demonstranten nieder, die dagegen protestierten, dass palästinensische Sicherheitskräfte mit den Israelis zusammenarbeiten.

In Bethlehem kam es im Streit über diese Frage zum Eklat. Wie könnten Präsident Abbas und seine Regierung glaubwürdig gegen „Normalisierung“ eintreten, während sie gleichzeitig mit Israel kooperierten, fragte ein Teilnehmer Wirtschaftsminister Dschawad Nadschi. Der erwiderte ungehalten, der Fragesteller solle „aufhören zu bellen“. Nachdem sich die erste Empörung gelegt hatte, forderte der Moderator ihn auf, sich zu entschuldigen. Doch Nadschi weigerte sich und verließ den Saal. Später wurde der Palästinenser, der die Frage gestellt hatte, zusammengeschlagen und musste sich ärztlich behandeln lassen. Nach seinen Angaben waren zwei der Angreifer Begleiter des Ministers.

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