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Freigelassener Priester warnt : IS-Anführer clever und gebildet

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Gebete erhört: Der französische Ordenspriester Jacques Mourad wurde nach fünf Monaten der Geiselhaft vom IS freigelassen. Bild: AFP

Fünf Monate lang war Jacques Mourad eine Geisel des „Islamischen Staats“. Nun warnt der französische Ordenspriester den Westen vor Hochmut. Die IS-Terroristen wüssten genau, was sie tun.

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          Der französische Ordenspriester Jacques Mourad, der kürzlich nach fünf Monaten der Verschleppung durch das Terrorregime des Islamischen Staats (IS) in Syrien freikam, hat die westliche Welt aufgefordert, die Anführer dieser Terroristen nicht als unkultivierte Beduinen zu unterschätzen. „Sie sind vielmehr clever, gebildet, haben oft Universitätsabschlüsse und sind sehr genau in ihren Plänen“, sagte der Geistliche, der sich am Donnerstag in Rom erstmals seit seiner Befreiung im Oktober der internationalen Presse stellte. So wüssten sie auch alles über die Christen in Syrien und ihre Klöster.

          Trotz der erlebten Gräueltaten äußerte sich der Priester eher vorsichtig, denn noch immer leben viele tausend Christen unter der IS-Diktatur, darunter 160 Mitglieder seiner Gemeinde um das syrisch-katholische Deir Mar Musa Kloster bei Homs und in den nahen Bergen von Karjatain sowie nicht zuletzt der Gründer der Gemeinschaft, die sich dem katholisch-muslimischen Dialog widmet, der italienische Jesuit Pater Paolo Dall' Oglio.

          „Befreiung wie ein Wunder“

          Seine Befreiung nach 84 Tagen sei ihm wie ein Wunder vorgekommen, berichtete Mourad. Sie habe mit dem Besuch eines schwarz gekleideten und maskierten Mannes begonnen, so wie man ihn von Videos über die Hinrichtungen kennt. Anstatt ihn aber zu beschimpfen, habe der ihn freundlich begrüßt; anstatt ihn in eine Ecke zu stellen, habe er ihn zum Sitzen aufgefordert „wie einen gleichberechtigten Gesprächspartner“. Auf die Frage hin, warum man ihn entführt habe, zitierte Mourad diesen Mann mit der Antwort: „nehmen Sie diese Zeit als spirituelle Einkehr.“

          Bei diesem Besucher handelte es sich neben der Mehrzahl von fremden Muslimen offenbar um einen der wenigen Syrer, der die Dall'Oglio-Gemeinschaft kannte. Seit jenem Treffen habe er den Eindruck gehabt, Gott habe seine Gebete erhört und die Haltung der Entführer verändert, erinnerte sich Mourad weiter. In seinen Bitten habe er sich immer wieder an die Jungfrau Maria gewandt und an den französischen Märtyrer Charles de Foucauld gedacht, der sich auch um einen Dialog mit den Muslimen bemüht hatte und 1916 in Algerien ermordet wurde.

          „Die ersten Tage waren die schlimmsten“

          Die ersten Tage nach seiner Entführung am 21. Mai seien die schlimmsten gewesen. Man habe ihn gefesselt und mit verbundenen Augen vier Tage lang zur IS Hochburg Raqqa gebracht und dort zur Demütigung auf einem WC eingeschlossen. Andernorts habe man seine Gemeinde festgehalten. Immer wieder habe man ihn und die anderen mit Enthauptung bedroht, sollten Sie nicht zum Islam übertreten. Dann habe man seiner Gemeinde zugestanden, nach Abgabe allen Eigentums nach Karjatain zurückzukehren. Mittlerweile haben Milizen diese Region erobert und den IS verdrängt.

          Mourad forderte die Politik auf, nicht auf eine militärische sondern politische Lösung zu setzen. In ganz Syrien herrsche Krieg; nirgends „gibt es Schutz, nirgends Sicherheit“. Auch die Gegend um Karjatain sei ein Schlachtfeld, weswegen er sich nach Homs abgesetzt habe, sagte der Priester. „Viele können nicht akzeptieren, vertrieben zu werden und wollen lieber zu Hause sterben. Andere sind überzeugt, dass sie in Zukunft zumindest nicht wieder vom IS bedrängt würden, der sie doch habe gehen lassen, zitierte Mourad Mitglieder seiner Gemeinde.

          Weitere Christen freigelassen

          An diesem Donnerstag wurden in Nordsyrien abermals Christen aus der Geiselhaft entlassen: Es handelt sich um 25 assyrische Christen, wie der christliche Pressedienst Aina berichtete. Demnach waren unter den Freigelassenen in der Region Al Hasaqa auch zwei Kinder im Alter von sieben und neun Jahren. Alle seien bei guter Gesundheit.

          Ende Februar hatten IS-Kämpfer mehrere assyrische und chaldäische Dörfer am Fluss Qabur überfallen und deren Bewohner verschleppt. Aina gab die Zahl der Entführten mit 253 an, darunter viele Alte, Frauen und Kinder. 130 von ihnen befinden sich laut Aina weiter in der Gewalt des IS. Neun Christen starben im Kampf gegen die Miliz. Rund 3000 flohen aus ihren Dörfern.

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