https://www.faz.net/-gq5-y62b

Omar Suleiman : Das Alter Ego des Präsidenten

Omar Suleiman war zwei Jahrzehnte lang der engste Vertraute von Mubarak Bild: dpa

Geheimdienstchef Omar Suleiman soll nach dem Willen des Regimes der Mann des Übergangs in Ägypten sein - doch bei den Ägyptern ist er als „Zwilling“ Mubaraks verhasst. Suleimans Folterzentrale ist berüchtigt - den Amerikanern und Israelis aber gilt er als verlässlich.

          3 Min.

          Zwei Jahrzehnte war Omar Suleiman als Geheimdienstchef des Staatspräsidenten Husni Mubaraks auch dessen engster Vertrauter – und nun deutet immer mehr darauf hin, dass er auch dessen Nachfolger wird. Wegen seines Alters wird er Ägypten aber allenfalls für eine Übergangszeit führen: Er ist 76 Jahre alt und schon mehrmals am Herzen operiert worden.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Vergangenes Jahr waren in den Straßen Kairos Plakate mit seinem Bild aufgehängt worden, auf denen stand: „Omar Suleiman ist die wirkliche Alternative als Präsident der Republik.“ Damals hatte sich Mubaraks Sohn Gamal in Position gebracht, um seinem 82 Jahre alten Vater zu folgen. Die Kampagne für Suleiman kann nicht ohne Wissen des mächtigen Geheimdienstchefs begonnen worden sein, auch wenn er sich davon artig distanzierte. Die Botschaft verstand jeder: Der Sicherheitsapparat würde nicht tatenlos zusehen, wie das erste Amt im Staat an einen Mann gehen würde, der glorreichen Armee so fern steht wie Gamal Mubarak. Nun ist Gamal Mubarak ganz aus dem Rennen, und ausgerechnet die Protestbewegung, die Mubarak stürzen will, ebnet dessen Alter ego Suleiman den Weg ins Präsidentenpalast.

          Er rettete dem Präsidenten 1995 das Leben

          Omar Suleiman ist zwar Geheimdienstchef, als solcher aber in erster Linie ein ägyptischer Nationalist. Ein Politiker ist er nicht, auch nachdem ihn Mubarak am 29. Januar zu seinem Stellvertreter ernannt hat. Auch wenn er schon seit Jahrzehnten keine Uniform mehr trägt, sieht er politische Fragen bis heute fast ausschließlich unter dem Gesichtspunkt von Sicherheit und Stabilität – so wie Mubarak, dessen wichtigster Mann er wurde, seit er 1991 zunächst Chef der Militärischen Sicherheit (al amn al askari) wurde, bevor er 1993 an die Spitze des Allgemeinen Geheimdienstes (al muchabarat al amma) aufrückte.

          Die enge Verbindung Suleimans und Mubaraks rührt auch daher, dass der Geheimdienstmann dem Präsidenten 1995 das Leben rettete. Damals hatte Suleiman nach Warnungen gegen den Willen Mubaraks veranlasst, dass der Präsident beim Gipfeltreffen der Afrikanischen Union in Addis Abeba in einem gepanzerten Wagen fuhr – wäre das nicht der Fall gewesen, hätte Mubarak dort den Anschlag islamistischer Terroristen nicht überstanden.

          Der 1935 in Qena, nahe Luxor geborene Suleiman, der an der Moskauer Militärakademie Frunse ausgebildet worden war, regelte für Mubarak alle delikaten Aufgaben mit dem wichtigsten Geber von Waffen und Waffenhilfe, mit den Vereinigten Staaten. Suleiman, der nach dem Krieg 1962 im Jemen gegen die Royalisten auch 1967 und 1973 an den Kriegen gegen Israel teilgenommen hatte, führte in Mubaraks Auftrag aber auch alle wichtigen Gespräche mit Israel und den streitenden Gruppen der Palästinenser.

          Suleiman brach mit einem Tabu

          Mubarak vertraut ihm, und auch die Amerikaner und Israel tun es. Sie alle sehen ihn als Garanten einer engen Beziehungen unter diesen drei Ländern. Sie schätzen, dass er die islamistische Muslimbruderschaft Ägyptens, die der Mentor der palästinensischen Hamas ist, verachtet und dass er mit eiserner Faust in den neunziger Jahren den „Islamischen Dschihad“ ausgeschaltet hat.

          Als Suleiman 1993 die Führung des Allgemeinen Geheimdienstes übernahm, brach er mit einem Tabu. Gamal Abd al Nasser, der Revolutionsführer von 1952, hatte den Allgemeinen Geheimdienst gegründet, um innere Feinde der Revolution rechtzeitig zu identifizieren und auszuschalten. Mehr als 20.000 Verdächtige ließ er aus politischen Gründen inhaftieren, um den Widerstand gegen seine Herrschaft zu brechen. Der Name des ägyptischen Geheimdienstes flößte nicht nur in Ägypten, sondern auch in anderen arabischen Staaten, die ihre Geheimdienste von sozialistischen Bruderländern lernen ließen, jedem Furcht ein. Wurde es genannt, flüsterte jeder nur noch ängstlich. Die Geheimdienste entzogen sich dem öffentlichen Blick, sie beschäftigen ein Heer informeller Mitarbeiter. Die Namen ihrer Chefs waren nicht bekannt – bis Suleiman, der oft eine Sonnenbrille trägt, 1993 an die Öffentlichkeit ging.

          Berüchtigt ist die Folterzentrale im Stadtteil Lazoghli

          Wie jedes arabische Land verfügt Ägypten über mehrere Geheimdienste, die sich gegenseitig in Schach halten sollen. Der Allgemeine Geheimdienst Suleimans ist direkt dem Präsidenten unterstellt, der militärische Geheimdienst untersteht dem Verteidigungsminister, der Innenminister beaufsichtigt die Staatssicherheit. Jeder der drei ist beauftragt, für die nationale Sicherheit zu sorgen. In den vergangenen Jahrzehnten ging lediglich die Macht des militärischen Geheimdienstes zurück. Am meisten gefürchtet wird die Nationale Sicherheit des Innenministeriums, die als das wichtigste Instrument gilt, um innere Gefahren für das Regime zu eliminieren. Die meisten Foltervorwürfe richten sich gegen sie. Berüchtigt ist die Folterzentrale im Stadtteil Lazoghli. Am bekanntesten war in den vergangenen Jahren der Fall des dissidenten Soziologieprofessors Saad Eddin Ibrahim, der trotz seines Alters schwer gefoltert worden war.

          Der Allgemeine Geheimdienst ist indes unter Suleiman ein für die Politik wichtiger Apparat geworden. Wieviele Beschäftigte und „Freiwillige“ auf seiner Gehaltsliste stehen, ist nicht bekannt, aber sicher ist, dass er auf politische Entscheidungen einen maßgeblichen Einfluss ausübt. Seine Agenten haben alle islamistischen Gruppen, die legalen und nicht zugelassenen Parteien, die Gewerkschaften und die Medien infiltriert. Wenn Suleiman nun bald mit den Parteien Gespräche aufnimmt, weiß er über deren Innenleben gut Bescheid.

          Topmeldungen

          Parlamentswahl in Polen : National und sozial

          Polens Regierungspartei hat in den vergangenen vier Jahren wenig Respekt für demokratische Gepflogenheiten und den Rechtsstaat gezeigt. Die Opposition konnte dem nun wenig entgegensetzen – für die Demokratie ist das eine schlechte Nachricht.

          Nobelpreis für Wirtschaft : Wie kann Armut gelindert werden?

          Esther Duflo aus Frankreich ist die zweite Frau in der Riege der Wirtschaftsnobelpreisträger. Wie Abhijit Banerjee aus Indien und der Amerikaner Michael Kremer forscht sie daran, wie die globale Armut gelindert werden kann – und soll.
          Königin Elisabeth II. am Montag im britischen Parlament neben ihrem Sohn, Prinz Charles.

          Britisches Unterhaus : Queen’s Speech – und dann?

          Die britische Königin hat an diesem Montag mit ihrer Rede das Parlament wiedereröffnet und die Politikvorhaben der Regierung vorgestellt. Im Brexit-Prozess ist das jedoch nur ein Intermezzo.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.