https://www.faz.net/-gq5-828jl

Holocaust-Gedenktag : Marta konnte nur als Christin überleben

Ein Soldat steht während der zwei Gedenkminuten in Jerusalem still. Bild: AFP

Am Holocaust-Gedenktag stand in Jerusalem des Leben still. Die Regierung versammelte sich in der Gedenkstätte Yad Vashem. Dort wird in einer Ausstellung an das Schicksal von Kindern während des Genozids erinnert.

          Sie sollte immer lächeln und den Menschen ins Gesicht sehen. „Nur jüdische Kinder haben verweinte Augen“, lautete einer der letzten Ratschläge ihrer Mutter. Acht Jahre war Marta Goren, als sie sich am Bahnsteig der ostpolnischen Stadt Tschortkow für immer von ihr verabschiedete. Nächtelang hatte sie zuvor in ihrem Kellerversteck geweint. Doch die Mutter hörte nicht auf, ihr Kind auf die Abreise vorzubereiten: Dort, wo sie bald lebe, werde sie wieder die Sonne und den Himmel sehen, Blumen riechen und mit anderen Kindern spielen. Um dem Tod im Getto oder einem Konzentrationslager zu entgehen, wurde aus dem jüdischen Mädchen Marta die Christin Krystyna, das alle nur Kryschia nannten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          In Warschau nahm eine befreundete Familie sie wie ihre eigene Tochter auf. „Ich durfte kein falsches Wort sagen, das hätte den Tod für alle bedeutet“, erinnert sich Marta Goren heute. Um den Hals trägt sie an diesem Tag ein rundes Medaillon mit Maria und dem Jesuskind, wie damals während des Krieges. Ihre Mutter hatte geschworen, dass sie sich in Warschau wiedersehen würden. Doch nur wenige Tage nachdem sie ihre Tochter in den Zug gesetzt hatte, wurde sie getötet. Marta Goren, die in diesem Jahr 80 Jahre alt wird, gehört zu den wenigen tausend Kindern, die den Holocaust überlebten. 1,5 Millionen wurden ermordet.

          „Sterne ohne einen Himmel“ – so heißt die Ausstellung, die in der Gedenkstätte Yad Vashem vor Kurzem vor dem israelischen Holocaust-Gedenktag eröffnet wurde. Am Mittwochabend versammelte sich dort die israelische Staatsführung, zur offiziellen Gedenkveranstaltung, sechs Überlebende entzündeten Fackeln. Am Donnerstag ertönten im ganzen Land die Sirenen, das Leben stand still, und das Land gedachte der sechs Millionen Opfer.

          Marta Goren in der Ausstellung in Yam Vashem.

          Marta Goren entdeckt in einer Vitrine ein Foto von sich aus der Zeit vor dem Krieg. Stolz hält das Mädchen mit zwei Zöpfen ihre Puppe im Arm. Yad Vashem besitzt die größte Sammlung von Puppen und Spielzeug aus der Zeit des Holocaust. „Wenn man davon ausgeht, dass jedes der 1,5 Millionen ermordeten Kindern eine eigene Puppe, einen Teddy oder ein anderes Stofftier besaß, dann sieht man, wie viel verloren gegangen ist“, sagt Kuratorin Yehudit Inbar. „Nur gut 50 haben es nach Yad Vashem geschafft.“ Einige davon sind wie in einem großen Kinderzimmer in einer Vitrine der Ausstellung zu sehen. Auf der Flucht oder in den Lagern haben sie teils ihre Ohren oder Arme verloren. Sie gehören oft zu dem Wenigen, was von ihren Besitzern übrigblieb, die nicht überlebten. Auch Kinder wurden getötet, weil sie nach Ansicht der Nazis die Zukunft des jüdischen Volkes bedeuteten.

          „Wenn die Kinder konnten, spielten und lachten sie, malten sie ihre Ängste und Hoffnungen. Sie bewiesen Lebensfreude, Vitalität und Kreativität, obwohl die meisten von ihnen keine Chance hatten“, sagt Kuratorin Inbar. Jede einzelne Geschichte ist ein Fenster zu einer Welt. Die Ausstellung ist deshalb wie ein symbolischer Wald aufgebaut, der aus 33 „Lebensbäumen“ besteht. Den wenigen Kindern, die mit dem Leben davonkamen, sind oft nur ein paar Fotos und die Erinnerung geblieben. In Yad Vashem ließ man deshalb israelische Kunststudenten in kurzen Zeichentrickfilmen nacherzählen oder als Skulpturen darstellen, was sie erlebten.

          Topmeldungen

          Erdgas-Streit mit der EU : „Erdogan fährt eine Kamikaze-Politik“

          Die EU-Außenminister haben Sanktionen gegen die Türkei erlassen, weil sie vor der Küste von Zypern nach Gas bohrt. Ökonomieprofessor Erdal Yalcin spricht im F.A.Z.-Interview über die Abhängigkeit Ankaras und den Rückhalt für Erdogan.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.