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Obama in Ramallah : Hochstimmung und eine harte Landung

Beide Seiten bemühen sich sichtlich um die menschliche Wärme, die den ersten Treffen zwischen Obama und Netanjahu gefehlt hatte. Auf der Pressekonferenz am Mittwochabend redet Obama Netanjahu nur mit dessen Spitznamen „Bibi“ an. Nicht zufällig zitiert er aus einem Brief, den Jonathan Netanjahu geschrieben hatte; der Bruder des Regierungschefs war bei der Befreiung eines entführten israelischen Flugzeugs 1976 in Entebbe ums Leben gekommen. Für Benjamin Netanjahu war das ein prägender Einschnitt in seinem Leben. Mit keinem ausländischen Politiker habe er seit dem Beginn seiner ersten Amtszeit vor gut vier Jahren so viel Zeit verbracht, wie mit dem israelischen Premier, rechnet Obama vor. Er sei froh, dass er sich nun zum ersten Mal in Israel als Gastgeber revanchieren könne, sagt Netanjahu, der seinen Besucher zusammen mit Ehefrau Sara und ihren beiden Söhnen in seiner Residenz willkommen heißt. Es geht fast familiär zu. Sara Netanjahu hat auch Obamas Ehefrau Michelle und deren beiden Töchter nicht vergessen. Michelle Obama ist nicht mitgekommen, sie begleitet den Präsidenten nur dann auf Reisen, wenn die Kinder Schulferien haben. So überreicht Sara Netanjahu dem Vater zwei Silbermedaillons mit der Nachbildung der Harfe des biblischen Königs David für die Töchter; für den Hund Bo gibt es einen Hamburger aus Plastik.

Protest jenseits der Absperrung am Donnerstag nahe Ramallah

Die Lässigkeit, mit der Obama und Netanjahu noch unter der warmen Mittagssonne am Flughafen von Tel Aviv ihre Sakkos ausziehen, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Annäherung der Beiden noch immer ihre Grenzen hat. „Israel hat das Recht, sich gegen jede Gefahr selbst zu verteidigen“, sagt Netanjahu während der gemeinsamen Pressekonferenz. Obama widerspricht ihm nicht. Er bittet nur um etwas Geduld, um Diplomatie und Sanktionen im Atomkonflikt mit Iran noch eine letzte Chance zu lassen. Sein Ziel sei es nicht, die Nuklearaktivitäten Irans einzudämmen, sondern Teheran daran zu hindern, in den Besitz von Atomwaffen zu gelangen, stellt Obama klar.

Obama sieht dringenden Handlungsbedarf

Netanjahu ist offensichtlich damit zufrieden und verzichtet darauf, dem Präsidenten selbst an dem Punkt zu widersprechen, über den sie bisher lange unterschiedlicher Meinung waren. Kurz vor seinem Abflug hatte Obama gesagt, Iran werde noch rund ein Jahr für die Entwicklung einer Atomwaffe benötigen. Die israelische Regierung hatte bisher von viel kürzeren Zeiträumen gesprochen, die es nötig vielleicht machten, bald militärisch einzugreifen. Doch Obama sieht viel dringlicheren Handlungsbedarf in unmittelbarer Nachbarschaft. Auch das wird gleich zu Anfang der Pressekonferenz deutlich. Der amerikanische Präsident beginnt mit dem Palästina-Konflikt, Netanjahu geht erst an dritter Stelle darauf ein - nach Iran und Syrien.

Handschriften, die den Gebietsanspruch Israels untermauern sollen: Obama, Netanjahu und der Direktor des Israel-Museums, James Schneider, im „Schrein der Bücher“

Obamas Landung im Hof des Amtssitzes des palästinensischen Präsidenten Mahmud Abbas ist härter als die am Mittwoch in Tel Aviv: Seine Charmeoffensive wird in Ramallah argwöhnisch und mit wachsender Enttäuschung verfolgt. „Nicht einmal das Grabmal Jassir Arafats wollte er besuchen, obwohl es neben Abbas’ Büro liegt“, kritisiert der palästinensische Politiker Mustafa Barguti. Obama bezeichnet sein Gespräch mit Abbas später als „nützlich“. Den fünf Stunden in Ramallah fehlt es an symbolischen Gesten, an denen der Aufenthalt in Israel so reich ist. Nur kurz schaut Obama zusammen mit Ministerpräsident Salam Fajad in einem Jugendzentrum vorbei.

Zu diesem Zeitpunkt warten in Jerusalem schon mehr als 600 israelische Studenten auf den Präsidenten. Obama hatte sich entschieden, nicht vor Politikern in der Knesset zu reden, sondern vor jungen Israelis - so wie er schon vor vier Jahren in Kairo in einer Universität für einen Neuanfang in den Beziehungen zwischen Amerika und der arabischen Welt geworben hat, knapp zwei Jahre, bevor die Arabellion begann. Er wird im Jerusalemer Kongresszentrum wie ein Popstar empfangen. Aber das ist nur der Anfang. Obama umarmt in den nächsten 40 Minuten das Publikum mit seiner Rede. Er nimmt auf die jüdische Geschichte Bezug und das Pessachfest, das am Montag beginnt und an dem man sich des jüdischen Auszugs aus Ägypten erinnert. Dieser sei zu einem Vorbild für den Freiheitskampf für Unterdrückte auf der ganzen Welt geworden, sagt der Präsident. Juden hätten am Ende „Freiheit in ihrem eigenen Land“ gefunden.

Polizisten am Fundort einer Granate am Donnerstagmorgen in Sderot

Mit einigen Worten auf Hebräisch fügt er dann hinzu, „so lange es die Vereinigten Staaten gibt, seid Ihr nicht alleine“. Obamas sagt aber auch, Israel könne als jüdischer Staat nur an der Seite eines „unabhängigen und lebensfähigen Palästinas“ blühen. Die Leute im Saal muss er davon nicht mehr überzeugen. Lang andauernder Applaus brandet auf. Allein auf die Kraft seiner Worte will Obama aber nicht vertrauen. Schon am Samstag soll sein neuer Außenminister John Kerry nach Jerusalem und Ramallah zurückkehren.

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