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Leben im „Islamischen Staat“ : Lachen über die Terrormiliz

  • -Aktualisiert am

Der saudische Schauspieler al Qasabi (2.v.l.) in seiner Rolle als Kämpfer für den IS in seiner Serie „Selfie“. Bild: Reuters

In unserer Serie „Leben im ’Islamischen Staat’“ berichten irakische Journalisten über den Alltag in der eroberten Millionenstadt Mossul. Für die Einwohner ist die Satire-Sendung eines saudischen Komikers ein Mittel gegen die Propaganda der Dschihadisten.

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          Am Rande einer Hauptstraße im Stadtteil Neu-Mossul hat die Propagandaabteilung des „Islamischen Staates“ (IS) eine große Leinwand und Lautsprecher aufgestellt. Davor stehen ein paar Stühle. Saad Mohammad, ein Bewohner des Viertels, sagt, junge Leute würden oft hierherkommen, um sich Filme von Hinrichtungen und Schlachten des IS gegen die Regierungstruppen oder Reden von IS-Führern anzuschauen. Nach jeder Vorführung können Zuschauer ihrer Begeisterung Ausdruck verleihen, indem sie nach Mitschnitten ihrer Lieblingsszenen fragen, die sie sich dann auf ihre Mobiltelefone laden können. „Nach jedem Film sprechen die Leute über die Macht des IS und wie legendär seine Kämpfer sind“, sagt Mohammad. „Genau das will der IS, dass sich diese Gefühle im Bewusstsein der Leute einnisten.“

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          Das Freiluftkino ist nur eines von vielen kleinen „Medienzentren“, welche die Terrormiliz in der Millionenstadt Mossul errichtet hat. Auch neue Regeln des täglichen Lebens werden über diese Zentren veröffentlicht. Schon bei der Eroberung der Stadt im Juni vergangenen Jahres hat die IS-Propaganda eine entscheidende Rolle gespielt. Kurz nach der Einnahme eröffneten die Extremisten den Radiosender Al Bayan, der Reden von IS-Führern überträgt. Andere Kanäle, um ihre Botschaft der eigenen Überlegenheit zu verbreiten, sind Militärparaden und Reden in Moscheen. Der IS ist außerdem geschickt darin, die sozialen Netzwerke für seine Belange zu nutzen.

          Es gibt keine Journalisten mehr, die aus Mossul berichten

          Die Bewohner von Mossul haben zwar auch Zugang zu Medien, die über die Schandtaten des IS berichten, über die Drangsalierung der Bevölkerung, das Leid der Vertriebenen, und darüber, für welchen Zeitpunkt die Regierung in Bagdad die Rückeroberung Mossuls angekündigt hat. Das gilt zum Beispiel für zwei Fernsehsender, die sie über Satellit empfangen können: „Al Mosul TV“ mit Sitz in Dubai und einem Ort nahe Arbil sowie „Niniveh von morgen“, das dem früheren Provinzgouverneur Athil al Nudschaifi gehört. Die beiden Sender gelten aber als unglaubwürdig und parteiisch. Das liegt auch daran, dass es keine Journalisten mehr gibt, die aus Mossul selbst berichten.

          Bild: F.A.Z.

          Die meisten der rund 250 Journalisten, die vor dem Fall der Stadt dort lebten, sind geflohen. Andere wurden umgebracht, festgenommen oder sind untergetaucht. Wieder andere haben beim IS angeheuert. Weil die Medienberichte über ihre Stadt mit ihrer Lebenswirklichkeit kaum noch etwas zu tun haben, vertrauen ihnen die Leute aus Mossul nicht mehr. Anders dagegen die Propaganda-Videos des IS, die an Ort und Stelle gedreht wurden und auch lokale Belange der Bewohner aufgreifen.

          Besonders beliebt ist „Selfie“

          Statt der konventionellen Medien gibt es aber nun ein anderes Gegenmittel gegen die IS-Propaganda: Satire. Besonders beliebt in Mossul ist „Selfie“, eine 45 Minuten dauernde Sendung des saudischen Komikers Nasser al Qasabi. In einer Folge geht es zum Beispiel um einen Vater, der ins Herrschaftsgebiet des IS reist und sich zum Schein den Terroristen anschließt, um seinen Sohn aus deren Fängen zu befreien. Aus Angst vor einer Dschihadistin versteckt er sich unterm Bett; als Zuschauer einer öffentlichen Hinrichtung fällt er in Ohnmacht; und auf einem von ihm besuchten „Markt“ für Sexsklavinnen, die sich laut IS angeblich freiwillig zum „Sex-Dschihad“ gemeldet haben, entpuppt sich eine der Bräute als verschleierter Mann. „Macht nichts“, sagt einer der Kämpfer. „Wenn es ein Ungläubiger ist, hat er es verdient.“

          „Die Sendung ist sehr populär. Und alle sprechen darüber, aber nur unter Freunden und Verwandten“, sagt Issa Shibab, ein Einwohner Mossuls. „Sie vergleichen dann die Show mit der Realität, da gibt es viel zu lachen.“ Die Sendung, sagt Shabib, entlarve den IS als das was er wirklich sei. „Die Leute haben das Gefühl, dass sie gegen die Präsenz des IS und seine Verbrechen protestieren, indem sie die Sendung gucken.“ Bislang hat der IS das Anschauen von Qasabis Show noch nicht unter Strafe gestellt; zumindest sind keine Fälle bekannt geworden, in denen Zuschauer dafür bestraft wurden.

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          Autoren

          Die Autoren unserer Serie sind irakische Journalisten, die aus dem ganzen Land für die Website niqash.org berichten. Da Recherchen in Mossul lebensgefährlich sind, basieren diese Artikel auf Telefoninterviews mit Einwohnern der Stadt.

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