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Nahost-Konflikt : Widerstand im innersten Kreis

Israelische Soldaten auf den Golan-Höhen Bild: AFP

Die israelische Sondereinheit „8200“ führt gegen Palästinenser einen Cyberkrieg. In einem Brief an den Ministerpräsidenten Netanjahu erklären 43 Soldaten, warum sie nicht mehr an den Militäraktionen mitwirken wollen.

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          Alle waren stolz, ein Mitglied von „8200“ zu sein. So heißt die Einheit der israelischen Armee, die so geheim ist, dass fast nichts über sie bekannt ist. Die Soldaten kämpfen nicht mit dem Gewehr in der Hand. Sie sitzen am Computerbildschirm, hören die Kommunikation des Feindes ab und machen sie für die Truppe nutzbar. „Ich dachte, ich tue etwas, das moralisch sauber ist. Wir bekämpfen Terrorismus und sorgen dafür, dass es nur die Bösen erwischt und es so wenige unschuldige Opfer wie möglich gibt“, sagt A. Der israelische Doktorand, der fünf Jahre lang der Einheit des Militärgeheimdienstes angehörte, ist bereit zu erzählen, will aber seinen Namen nicht gedruckt sehen. Als militärische Geheimnisträger dürfen er und seine Kameraden nicht einmal in ihrem Lebenslauf erwähnen, wo sie dienten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Schon gegen Ende seiner Militärzeit seien ihm Zweifel gekommen. A. hatte den Eindruck, dass seine Arbeit über das hinausging, was andere Geheimdienste auf der Welt auch tun. Denn die Feinde, die „8200“ abhört, befinden sich nicht nur in Staaten wie dem Libanon, Syrien und Iran, sondern auch ganz in der Nähe in den Palästinensergebieten. A. kam nicht mehr damit zurecht, was die Armee mit den Informationen machte, die er und seine Kameraden über das private Leben vieler tausend Palästinenser gewannen. Jahrelang dachte er, nur ihn trieben diese Fragen um, bis er feststellte, dass es anderen Reservisten aus seiner Einheit ähnlich ging. Ihre frühere Tätigkeit erinnerte sie an den deutschen Film „Das Leben der Anderen“, der zeigt, wie die Staatssicherheit der DDR die intimsten Details ihrer Bürger ausspionierte. Sie wollten nicht länger schweigen und schickten einen gemeinsamen Brief an den israelischen Ministerpräsidenten und die Armeeführung.

          Den Aktivitäten der Geheimdienste schutzlos ausgeliefert

          „Wir weigern uns, ein Werkzeug zu sein, das die militärische Kontrolle der besetzten Gebiete vertieft“, schrieben die 43 Reservisten der Einheit 8200 in einem Brief an Ministerpräsident Benjamin Netanjahu und die Armeeführung. Sie kündigten an, künftig nicht mehr an Militäraktionen gegen Palästinenser mitwirken zu wollen. Ihr Armeedienst habe gezeigt, dass kein Unterschied zwischen Palästinensern gemacht werde – gleichgültig, ob sie an Gewalttaten beteiligt sind oder nicht. Die von ihnen gesammelten Informationen schadeten unschuldigen Menschen und „spalteten“ die palästinensische Gesellschaft, da sie genutzt würden, um „Kollaborateure zu rekrutieren“. Im Unterschied zu israelischen Bürgern seien Palästinenser den Aktivitäten der Geheimdienste schutz- und rechtlos ausgeliefert, heißt es in dem Brief.

          Einige von ihnen berichteten ausführlicher über ihre Erfahrungen während der Armeezeit. Weil sie auf keinen Fall der Sicherheit Israels schaden wollten, ließen die Reservisten ihre schriftlichen Aussagen, die auch dieser Zeitung vorliegen, vom Militärzensor freigeben. Mehrere von ihnen erzählen von der Suche nach möglichen palästinensischen Informanten für die israelische Armee. Ihre Aufgabe war es, im Leben von Palästinensern, denen Israel nichts vorzuwerfen hatte, gezielt Schwachstellen zu finden, die sie erpressbar machen könnten. „Jede Art von Information, die Erpressung ermöglichen könnte, wird für relevant gehalten. Es ist egal, ob es dabei um eine bestimmte sexuelle Orientierung geht oder darum, ob jemand seine Frau betrügt oder dringend medizinische Behandlung braucht“, so ein Soldat, der selbst später Kommandeur war.

          Adressat des Appells: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu
          Adressat des Appells: Ministerpräsident Benjamin Netanjahu : Bild: Reuters

          Ein anderer ehemaliger Soldat berichtet von den weitreichenden Kompetenzen, mit denen die jungen Soldaten ausgestattet sind. „Uns waren keine Grenzen gesetzt“, sagt er in seiner vom Militärzensor freigegebenen Aussage. Das habe nicht nur die Informationsgewinnung betroffen. Er erinnert sich mit Schrecken an eine Aktion in Gaza, an der er als Geheimdienstvertreter mitgewirkt habe. Nachdem in der Nähe eines Waffenlagers eine verdächtige Person beobachtet worden war, sei ein Angriff angeordnet worden. Wenig später stellte sich heraus, dass das Opfer ein Kind war. Auf seinem Computerbildschirm sah der Soldat die Explosion – und kurz darauf die Mutter, die zu ihrem toten Kind rannte. „Man sitzt in seinem Büro, und es ist sehr leicht, sich distanziert zu fühlen. Mein Job war es auch nicht, Fragen zu stellen. Man sagte mir, was nötig ist zu tun, und ich tat es“, erinnert er sich.

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