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Bodenoffensive in Gaza : Der opferreichste Tag seit Jahren

  • Aktualisiert am

Tod und Zerstörung in Gaza-Stadt am Sonntagnachmittag Bild: dpa

Mindestens 87 Palästinenser sind am Sonntag nach Angaben von Ärzten im Gazastreifen bei israelischen Angriffen getötet worden. So viele Tote gab es in dem besetzten Gebiet seit fünf Jahren nicht mehr.

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          Bei den israelischen Angriffen auf den Gazastreifen sind am Sonntag nach Angaben palästinensischer Ärzte mindestens 87 Personen getötet worden. Seit Beginn der jüngsten israelischen Angriffswelle vor knapp zwei Wochen seien damit insgesamt 425 Personen getötet worden, sagte ein Sprecher der palästinensischen Rettungskräfte. Damit ist der Sonntag der opferreichste Tag durch israelische Angriffe auf den Gazastreifen seit fünf Jahren.

          Eine humanitäre Feuerpause hatte am Sonntagmittag nur knapp eine Stunde gehalten. Hamas-Kämpfer hätten das Feuer auf israelische Soldaten eröffnet, sagte eine israelische Armeesprecherin. Daraufhin habe das Militär den Beschuss erwidert. Die Feuerpause war vom Internationalen Komitee vom Roten Kreuz vermittelt worden und sollte eigentlich zwei Stunden dauern.

          Durch erhebliche Angriffe der israelischen Armee auf Schedschaija im Osten der Stadt Gaza waren nach Angaben von palästinensischen Ärzten mindestens 50 Menschen getötet worden. Wie die Rettungskräfte am Sonntag mitteilten, wurden außerdem mindestens 380 Menschen verletzt. Zuvor waren die Menschen zu Tausenden aus der Gegend in Richtung des Stadtzentrums von Gaza geflohen, viele von ihnen zu Fuß. Israels Armee hatte zuvor mitgeteilt, es würden “zusätzliche Truppen“ eingesetzt.

          Israel fliegt seit knapp zwei Wochen Luftangriffe auf das Gebiet. Dabei sind nach palästinensischen Angaben etwa 350 Menschen getötet worden, darunter 70 Kinder und Dutzende weitere Zivilisten. Augenzeugen berichten von dramatischen Szenen in hoffnungslos überfüllten Krankenhäusern im Gazastreifen.

          Hamas-Familie ausgelöscht

          Durch einen israelischen Luftangriff auf das Haus eines führenden Mitglieds der radikal-islamischen Hamas waren nach palästinensischen Angaben in der Stadt Gaza zuvor vier Personen ums Leben gekommen. Die Opfer seien der Sohn des Hamas-Führers, die Ehefrau des Sohnes, ihre Tochter und ein Nachbar.

          Die israelische Armee will in den kommenden Tagen weiter mit Bodentruppen gegen unterirdische Tunnel im Gazastreifen vorgehen. „Wir haben mehr Soldaten in größeren Gebieten im Einsatz“, sagte ein Militärsprecher am Sonntag. Nach Angaben der israelischen Armee wurden 70 Terroristen bei den Gefechten getötet. 470 Ziele seien seit Beginn der Bodenoffensive, insgesamt 2600 seit Beginn der Luftoffensive am 8. Juli angegriffen worden. Seit Beginn des Bodeneinsatzes seine fünf israelische Soldaten gestorben.

          Der Raketenbeschuss gegen Israel sei mittlerweile etwas schwächer geworden. Die radikal-islamische Hamas verfüge jedoch weiterhin über etwa 5000 Raketen verschiedener Reichweite, sagte der Sprecher weiter. Bei der Suche nach Tunneleingängen im Gazastreifen leiste die Hamas heftigen Widerstand. Es gebe schwere Gefechte mit militanten Palästinensern an verschiedenen Orten. Bislang seien 14 Tunnel mit 36 Zugangspunkten gefunden worden. Sie sollten nach gründlicher Untersuchung mit Sprengstoff zum Einsturz gebracht werden. „Einige dieser Tunnel sind eigentlich Bunker“, sagte Lerner. Es seien dort auch viele Waffen gelagert worden.

          Am Sonntag, 20. Juli, gehen Palästinenser in Gaza-Stadt in Deckung.

          Erdogan bemüht Hitler-Vergleich

          Angesichts der Gewalteskalation im Nahen Osten verglich der türkische Regierungschef Recep Tayyip Erdogan Hardliner in Israel mit Adolf Hitler. Die betreffenden Israelis hätten „kein Gewissen, keine Ehre, keinen Stolz“, sagte Erdogan am Samstag bei einer Kundgebung vor der anstehenden Präsidentschaftswahl in der Schwarzmeerstadt Ordu. „Sie verfluchen Hitler Tag und Nacht, aber sie haben Hitler bei der Barbarei übertroffen“, fügte er hinzu.

          In seiner Rede rief Erdogan die türkische Bevölkerung aber auch zur Ruhe auf. Es dürfe keine Übergriffe auf jüdische Mitbürger geben. In dem muslimisch geprägten Land leben etwa 17.000 Juden. Wegen der Gazaoffensive war es in den vergangenen Nächten in mehreren türkischen Städten zu teils gewalttätigen Demonstrationen gegen Israel gekommen. Eine regierungsfreundliche Zeitung veröffentlichte ein Hitler-Kreuzworträtsel. Türkische Medien berichteten zudem von einer Welle von Twitter-Einträgen, in denen Israel scharf kritisiert und Bezüge zu Nazi-Deutschland hergestellt worden seien.

          In der Türkei wird im August ein neuer Präsident gewählt, Erdogan tritt als Kandidat an. Er stellte sich in den vergangenen Tagen fest an die Seite der Palästinenser im Gazastreifen. Israel warf er einen „Völkermord“ im Gazastreifen vor.

          Israel warnt vor Reisen in die Türkei

          Das israelische Außenministerium sprach am Samstag eine Reisewarnung für die Türkei aus. Demnach sollten Israelis eine Reise in das Land möglichst vermeiden. Wenn es sich nicht anders einrichten lasse, sollten israelische Bürger bei einem Besuch in der Türkei wachsam sein und Demonstrationen meiden.

          Die Beziehungen der einst befreundeten Staaten Israel und Türkei hatten sich in den vergangenen Jahren dramatisch verschlechtert. Einen Tiefpunkt erreichte das Verhältnis, als die israelische Marine 2010 ein türkisches Boot auf dem Weg zum Gazastreifen aufbrachte und dabei zehn Menschen an Bord tötete. Nach türkischen Angaben sollte das Schiff Hilfsgüter in den abgeschirmten Gazastreifen bringen. Israel warf der überwiegend türkischen Besatzung vor, die Gaza-Blockade durchbrechen zu wollen.

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