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Nahost-Konflikt : Flucht ins Verderben

Immer mehr Palästinenser versuchen nach Europa zu flüchten - doch die gefährliche Reise nimmt oft ein schnelles Ende. Bild: dapd

Immer mehr Menschen wagen eine lebensgefährliche Flucht aus dem Gazastreifen nach Europa. Erst vor kurzer Zeit sank unweit von Malta ein Flüchtlingsschiff, bei dem 500 Personen ertranken. Viele von ihnen waren Palästinenser.

          Am Anfang schien alles ganz einfach zu sein. Sie hätten in Gaza nur ein Reisebüro aufsuchen müssen, das dann die Flucht nach Italien organisiert habe, berichteten die beiden palästinensischen Überlebenden. Für die Reise zahlten sie mit dem Geld, das sie kurz zuvor erhalten hatten, um ihre Häuser in Gaza wieder aufzubauen. Die beiden Palästinenser überlebten den Krieg in Gaza. Zwei Wochen nach dem Beginn der Waffenruhe wären sie auf dem Mittelmeer fast ums Leben gekommen. Sie gehörten zu den neun Überlebenden des Flüchtlingsschiffs, das am 6. September unweit von Malta sank – mit etwa 500 Syrern, Sudanesen und Palästinensern an Bord.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Immer mehr Menschen halten die Lage im Gazastreifen für so hoffnungslos, dass sie lieber die lebensgefährliche Flucht nach Europa wagen. Vor Malta seien mindestens 15 Palästinenser ertrunken, weitere 15 Palästinenser würden noch vermisst, sagte ein Vertreter der Fatah-Organisation der Zeitung „Al Ajam“. Diese Zahlen könnten aber noch viel höher sein. Nach Informationen der palästinensischen Botschaft in Griechenland waren die meisten Passagiere an Bord des gesunkenen Schiffs Palästinenser. Die israelische Zeitung „Haaretz“ zitierte am Mittwoch einen Vertreter der palästinensischen Menschenrechtsorganisation „Adamir“, laut dem 400 Menschen aus Gaza vermisst würden. Es wird befürchtet, dass es noch mehr sein könnten, denn laut unbestätigten Berichten ertranken am Wochenende 15 Palästinenser, als ihr Boot vor der ägyptischen Küste sank.

          „Ein Passagier erhängte sich aus Verzweiflung“

          Palästinensische Menschenrechtler schätzen, dass Hunderte Einwohner mittlerweile Gaza verlassen haben, in dem „Haaretz“-Bericht ist gar von Tausenden die Rede. Aber was die beiden palästinensischen Überlebenden nach ihrer Rettung auf Kreta Mitarbeitern der „Internationalen Organisation für Migration“ (IOM) erzählten, könnte dazu führen, dass Menschen in Gaza ihre Fluchtpläne überdenken. Drei Tage lang trieben die Flüchtlinge auf dem Mittelmeer, bis sie die Besatzung eines Frachtschiffes barg. Die zehn ägyptischen und palästinensischen Schleuser hatten ihr Flüchtlingsschiff gerammt und zum Sinken gebracht. Drei Mal hätten die Flüchtlinge, unter denen nach Schätzungen der IOM bis zu hundert Kinder waren, auf dem Mittelmeer auf immer kleinere Boote umsteigen müssen. Als sie sich beim vierten Mal weigerten, rammten die verärgerten Schmuggler das Flüchtlingsschiff. „Sie warteten, bis es untergegangen war, und lachten dabei. Ein Passagier erhängte sich aus Verzweiflung“, erzählte ein Überlebender den IOM-Vertretern.

          Ihr erstes Schiff legte im ägyptischen Hafen von Damietta in der Nähe von Alexandria ab. In dem „Reisebüro“ in Gaza hätten sie für jede Person 2000 Dollar im Voraus zahlen müssen, erzählten die beiden Überlebenden. Dann sei ihnen ein Treffpunkt in Ägypten genannt worden, von dem aus sie dann in Bussen zum Hafen gebracht worden seien. Nach anderen Berichten organisieren die Menschenschmuggler die komplette Reise von Gaza-Stadt aus. Das ist dann noch teurer. Schon der Grenzübertritt nach Ägypten ist schwierig, denn der einzige Übergang in Rafah ist für Palästinenser nur in Ausnahmefällen geöffnet. Ein großer Teil von ihnen nutzt deshalb die letzten Schmuggeltunnel, die die ägyptische Armee nicht zerstört hat. Laut palästinensischen Presseberichten helfen Hamas-Mitglieder beim Grenzübertritt: Wer Gaza über die Landgrenze nach Ägypten verlassen wolle, müsse 3500 Dollar bezahlen, der Weg durch den Tunnel koste 2000 Dollar, berichtete die Zeitung „Al Hajat al Dschadida“. Die Hamas überlasse dann einen Teil der Summe den ägyptischen Schleusern. „Haaretz“ zitierte Palästinenser, die bis zu 4000 Dollar gezahlt hatten. Auf der ägyptischen Seite der Grenze wurden sie mit Kleinbussen nach Port Said gebracht. Dort warteten sie, bis sie in See stechen konnten. Ägyptische Beamte würden bestochen, damit sie wegschauten. In Europa gäben sich dann auch Palästinenser oft als Flüchtlinge des syrischen Bürgerkriegs aus.

          In Israel fühlen sich Armee und Regierung mittlerweile veranlasst, mehr zu tun, damit sich die Lage in Gaza nicht weiter verschlechtert. Die aus dem Gazastreifen am Dienstagabend abgefeuerte Mörsergranate verstanden Kommentatoren als eine Art „Notruf“: Zum ersten Mal seit dem Beginn der Waffenruhe vor drei Wochen war Israel wieder angegriffen worden. Die Hamas beeilte sich mitzuteilen, dass ihr bewaffneter Arm nicht verantwortlich gewesen sei: Mehrere Mitglieder einer „abtrünnigen“ Gruppe, die die Granate abgefeuert habe, seien festgenommen worden, meldete der israelische Rundfunk. Die israelische Armee verzichtete auf Vergeltung. Nach UN-Angaben einigten sich Israel und die palästinensische Regierung auf ein Verfahren, das vor allem die Einfuhr von Material für den Wiederaufbau in Gaza erleichtern soll.

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