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Nahost-Konflikt : Ein Land in Kriegsstimmung

Trauer: Angehörige eines gefallenen israelischen Unteroffiziers bei der Beerdigung in Tel Aviv. Bild: Getty Images

Zweifel an der Richtigkeit des Krieges in Gaza haben trotz der vielen Verluste nur sehr wenige Israelis. Aktivisten der Friedensbewegung werden als Verräter beschimpft.

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          Die Familie im Café am Alten Bahnhof von Jerusalem kommt aus dem Süden. Die beiden Söhne spielen Fangen, die kleine Tochter schläft im Kinderwagen. „Wir bleiben erst einmal in Jerusalem bei meiner Schwester“, sagt die Mutter. Schon seit Tagen dauert der stille Exodus aus den Kibbuzim und Dörfern entlang der Grenze zu Gaza an. Mit dem Raketen- und Granatenbeschuss hatten die Menschen zu leben gelernt; seit Jahren werden sie so aus Gaza angegriffen. Doch die Tunnel, die die Hamas bis kurz vor ihre Häuser gegraben hat, waren dann zu viel: Tausende brachten sich weiter in Richtung Norden in Sicherheit. In Orten wie Nir Am, Beeri und Sufa wohnt kaum noch jemand, obwohl es um diese Jahreszeit auf den Feldern viel zu tun gibt. Fünf Mal drangen Terrorkommandos der Hamas schon aus Gaza in den Süden Israels vor – zuletzt am Montagabend.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die Zweifel an der Militäroffensive ließ das in Israel offenbar genauso wenig wachsen, wie es die schmerzhaften Verluste taten. Drei Zivilisten und 56 Soldaten wurden seit dem 8. Juli getötet. Die Militäroperation „Schutzlinie“ ist der längste und verlustreichste Krieg, seit sich Israel im Sommer 2005 aus dem Gazastreifen zurückgezogen hat. Jeden Tag drucken die Zeitungen die Fotos der jungen Männer und Biographien ihrer kurzen Leben. Jeden Abend zeigt das Fernsehen, wie ihre Kameraden schluchzend neben den Angehörigen an den Gräbern stehen. Israel schämt sich seiner Trauer nicht. Gleichzeitig rückt der Krieg auch für diejenigen Israelis näher, die in sicherer Entfernung leben. Am Mittwochabend berief die Armee weitere 16.000 Reservisten ein; bald werden 86.000 Soldaten im Einsatz sein.

          Kritik an der Armee halten viele für unangebracht

          All das tut jedoch der Zustimmung zum Krieg keinen Abbruch, wie eine am Donnerstag veröffentlichte Umfrage der Universität Haifa zeigt. Auch nach mehr als drei Wochen unterstützen 90 Prozent der befragten (jüdischen) Israelis die Militäroperation. 85 Prozent stimmen mit der Forderung der Regierung überein, dass es erst dann eine Waffenruhe geben soll, wenn alle Tunnel zerstört sind und die Raketenangriffe aus Gaza aufhören; 51 Prozent wollen so lange weiterkämpfen, bis die Hamas von der Macht vertrieben ist. Kritik an der Armee halten die meisten für unangebracht. Fast zwei Drittel würden am liebsten Demonstrationen gegen das Vorgehen der israelischen Soldaten ganz verbieten. Knapp die Hälfte hält die Armee-Kritiker für „Verräter“.

          Dabei ist das Lager der Friedensaktivisten klein. In Jerusalem tun sie sich schwer damit, jeden Freitag genug Israelis zu finden, um einen mit Blumen geschmückten „Friedensbus“ an die Grenze des Gazastreifens zu füllen. In der vergangenen Woche waren es so wenige, dass ein Kleinbus reichte. Auch wenn es nicht viele Friedensaktivisten sind, wurden sie schon von rechten Israelis angegriffen. „Wir brauchen noch mehr Löwen, um uns der Linken entgegenzustellen“, schrieb der Rapper Joav Eliasi in einem Aufruf im Internet: Mit Slogans wie „Die Linken in die Gaskammern“ und „Tod den Arabern“ attackierten seine Anhänger in Tel Aviv daraufhin linke Demonstranten. Gideon Levy, der in der Zeitung „Haaretz“ in einem Kommentar den israelischen Kampfpiloten vorgeworfen hatte, per Knopfdruck in Gaza feige die „schwächsten und hilflosesten Menschen“ zu töten, muss sich mittlerweile von einem Leibwächter schützen lassen.

          Er könne sich nicht daran erinnern, dass bei früheren Kriegen eine ähnliche Atmosphäre geherrscht habe, sagt Jehuda Schaul von der Organisation „Breaking the silence“, einer Gruppe von Veteranen, die nicht mehr darüber schweigen wollten, was sie während ihrer Einsätze in den Palästinensergebieten miterlebt hatten. „Rassismus und Nationalismus der üblen Art sind mehrheitsfähig geworden. Politiker fachen die Flammen sogar noch an“, sagt Schaul, dessen Organisation Polizeischutz brauchte, als sie in Tel Aviv eine Protestveranstaltung organisierte.

          An der nationalreligiösen Bar-Ilan-Universität genügte schon die E-Mail, die Jura-Professor Hanoch Sheinman seinen Studenten schrieb, um einen Sturm der Entrüstung hervorzurufen. Er spielte auf das Leid der Palästinenser an, indem er seine Hoffnung ausdrückte, dass seine Studenten und ihre Familien „nicht unter den Hunderten von Menschen sind, die getötet, den Tausenden, die verletzt, und den Zehntausenden, deren Häuser zerstört wurden“. Nach dieser Solidaritätsbekundung für alle Opfer des Gaza-Kriegs setzte eine Flut von Beschwerden ein. Die Universitätsleitung forderte den Professor auf, sich öffentlich zu entschuldigen, weil er die „Werte“ der Hochschule verletzt habe.

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