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Naher Osten : Jeder hasst in seiner Welt

Hamas-Anhänger protestieren in Gaza-Stadt gegen die Ermordung eines palästinensischen Jugendlichen. Bild: APAImages/Polaris/Studio X

Unter Palästinensern und Israelis geben die Scharfmacher den Ton an. Die Beisetzung des in Jerusalem ermordeten 16 Jahre Palästinensers könnte in neue gewaltsame Proteste münden.

          Die Polizei in Jerusalem wurde in höchste Alarmbereitschaft versetzt, zusätzliche Einheiten wurden in die Stadt verlegt. Nach weiteren Ausschreitungen in mehreren Stadtvierteln in der Nacht zum Donnerstag herrschte seit dem Morgen gespannte Ruhe im arabischen Ostteil.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch diese könnte nur von kurzer Dauer sein, wie man in den israelischen Sicherheitsbehörden befürchtet: Nach der Obduktion sollte noch am Donnerstag die Leiche des am Mittwoch ermordeten 16 Jahre Palästinensers seiner Familie übergeben werden. Die Sorge ist groß, dass die Beisetzung in neue gewaltsame Proteste mündet – kurz vor einem ohnehin besonders kritischen Tag: Die Predigten während des ersten Freitagsgebets während des Fastenmonats Ramadan könnten der Empörung und der Wut der Palästinenser zusätzliche Nahrung bringen.

          Obwohl die israelische Polizei auch am Donnerstag weiterhin einen kriminellen oder familiären Hintergrund nicht ausschloss und die Ermittlungen andauern, stehen für viele arabische Bewohner der Stadt die Täter längst fest. „Rassistische Israelis entführten Muhammad Abu Khdeir und töteten ihn“, schrieb am Donnerstag die arabische Zeitung „Al Quds“ in ihrem Leitartikel, der keinen Raum für Zweifel ließ. Der Tod des Sechzehnjährigen sei die Folge israelischer Hetze gegen die Palästinenser, die nach dem Mord an den drei entführten Religionsstudenten im Westjordanland ein bislang unbekanntes Ausmaß erreicht habe.

          Viele Palästinenser und Israelis scheinen den Extremisten auf der jeweils anderen Seite in diesen Tagen alles zuzutrauen. In den arabischen Vierteln Jerusalems und in den Palästinensergebieten genügt als Beleg dafür die übel zugerichtete Leiche des 16 Jahre alten Palästinensers – in Israel reichten für viele schon die Morgennachrichten: In der südisraelischen Stadt Sderot schlug eine Kassem-Rakete in ein Haus ein, in dem sich eine Tagesstätte befindet, in der gerade die ersten Kinder ankamen. Wie durch ein Wunder blieb das Geschoss in der Mauer stecken. Wäre der Sprengsatz explodiert hätte er ein Blutbad angerichtet, und dann wäre wahrscheinlich eine Militäroffensive im Gazastreifen die Folge gewesen, mit der die israelische Regierung immer noch zögert.

          Schüsse und ein Schmerzensschrei

          Zuvor hatte in Israel der Mitschnitt des Notrufs Entsetzen hervorgerufen, den einer der entführten Religionsstudenten kurz vor seiner Ermordung absetzen konnte. Die israelische Regierung bezichtigt die zwei Hamas-Mitglieder der Tat, deren Jubel nach den Schüssen und einem Schmerzensschrei auf der im Internet zugänglich gemachten Aufnahme angeblich zu hören sind. „Drei auf einmal“, ruft ein Mann stolz auf Arabisch. Das Mobiltelefon des Studenten war noch längere Zeit nach dem Tod der Studenten in Betrieb.

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