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Nachruf : Ariel Scharon gestorben

Ariel Scharon (1928-2014) Bild: dpa

Vor fast genau acht Jahren fiel der israelische Likud-Politiker Ariel Scharon nach einer Hirnblutung ins Koma. Nun ist Scharon in einer Klinik in Tel Aviv gestorben. Er stand für die Siedlungsgeschichte Israels wie kein anderer.

          Seine Freunde und Verehrer nannten Ariel Scharon kumpelhaft einfach „Arik“. Für seine Kritiker und Gegner war der frühere General der „Bulldozer“, der schonungslos für ein „Groß-Israel“ kämpfte. Am 4. Januar vor acht Jahren fiel der korpulente Israeli, der jahrelang die Politik seines Landes geprägt hatte, nach einer Hirnblutung in ein Koma, aus dem er nicht mehr erwachte. Zuletzt waren es nur noch sporadische Meldungen aus seinem Krankenhaus am Stadtrand von Tel Aviv, die die Israelis an den früheren Regierungschef erinnerten. Überraschend schnell war Scharon in Vergessenheit geraten. Selbst der Internetseite der von ihm gegründeten Kadima-Partei war er schon seit Jahren keine Erwähnung mehr wert.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Doch das Erbe, das der streitbare Politiker und Offizier hinterlassen hat, reicht viel weiter: Dafür genügt es, durch die Siedlungen im Westjordanland zu fahren. Ihre Gründung hat der im Februar 1928 geborene „Siedlervater“ entscheidend vorangetrieben. Scharon hätte seine Freude daran zu beobachten, wie Gusch Etzion und Ariel weiter wachsen und gedeihen. Das Erste, woran jedoch viele Israelis denken, wenn sie seinen Namen hören, ist nicht der Siedlungsbau, sondern das Gegenteil davon. Im Sommer 2005 ließ er – wenige Monate, bevor er ins Koma fiel –, den Gazastreifen und vier kleine Siedlungen im Norden des Westjordanlands räumen.

          Wenig Verständnis für Räumung Gazas

          Spätestens damals ist Scharon vielen ein Rätsel geworden, das er nun auch nach seinem Tod bleiben wird: Wie konnte es dazu kommen, dass ausgerechnet Scharon auf einmal Armee und Polizei aufbot, um Siedler aus ihren Häusern in Gaza zu vertreiben, fragen sich viele. Angeblich wollte er den Rückzug in größerem Umfang im Westjordanland fortsetzen.

          Die Aufgabe der jüdischen Siedlungen in Gaza, die Scharon gegen erbitterten Widerstand in seinem eigenen politischen Lager durchsetzte, nennen heute selbst frühere Befürworter als warnendes Beispiel dafür, was geschieht, wenn Israel Palästinensern und anderen Arabern zu weit entgegenkommt. Der Dank für den einseitigen Rückzug seien die Raketen der Hamas gewesen, die in Gaza wenig später die Macht übernommen hatte. Ähnliches werde passieren, wenn die israelische Armee sich aus dem Westjordanland zurückziehe, um Platz für einen Palästinenserstaat zu machen, argumentieren nicht nur israelische Siedler, sondern auch Politiker aus den Regierungsparteien.

          Scharon 2005 in einer Fernsehansprache zum Gaza-Abzug Bilderstrecke

          Wenig spricht dafür, dass sich Scharon in Gaza mit dem überraschenden Schritt auf einmal altersmilde zeigte. Vielmehr war er offenbar zu der schmerzhaften Einsicht gelangt, dass Rückzüge aus arabischen Gebieten nötig sind, damit Israel in seinen Kerngebieten eine jüdische Mehrheit und damit seine Identität bewahren kann. Diese Wende kam aber sehr plötzlich und wollte nicht richtig zu dem Bild des unnachgiebigen „Hardliners“ passen, als der sich Scharon gerne gab

          Draufgängerisch und eigensinnig

          Als Soldat machte er nicht nur als ein mutiger Draufgänger, sondern auch durch seinen Eigensinn auf sich aufmerksam. Wenn er es für richtig hielt, ignorierte er einfach Befehle seiner Vorgesetzten. Wegen seines Muts wurde er bald bewundert, wegen Draufgängertums und eigenmächtigen Handelns immer wieder kritisiert – und nie zum Armeechef ernannt.

          Am 26. Februar 1928 wurde er in der landwirtschaftlichen Siedlung Kfar Malal bei Tel Aviv geboren. Seine Eltern waren aus Osteuropa eingewandert. Seine Mutter Vera half in Brest noch als Hebamme mit, als dort der spätere israelische Ministerpräsident Menachem Begin zur Welt kam. Im (damals britischen Mandatsgebiet) Palästina legten seine Eltern den Namen Scheinermann ab und nannten sich Scharon. Vater und Mutter standen den rechten Zionisten nahe und hatten es deshalb in ihrem Heimatort nicht leicht, wo Sozialisten politisch den Ton angaben, was auch der junge Ariel zu spüren bekam. Später berichtete er, dass ihm seine Mutter deshalb den Rat gab: „Trau niemandem!“ Sein Vater brachte ihm bei, wie man Waffen benutzte.

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