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Nach Luftangriff in Syrien : Schweres Zerwürfnis zwischen Moskau und Washington

  • Aktualisiert am

Szene nach einem Luftangriff auf die von Rebellen gehaltene syrische Stadt Idlib vor einigen Tagen (Archivbild). Bild: AFP

Das russische Außenministerium verlangt von Washington eine Erklärung zu den Luftangriffen in Syrien. Das Pentagon hatte zuvor bestätigt, dass die von den Amerikanern geführte Koalition in der Feuerpause ein Ziel im Osten des Landes unter Beschuss genommen hatte.

          Ein vermutlich irrtümlicher Luftangriff der von den Vereinigten Staaten geführten Koalition auf syrische Regierungssoldaten hat ein schweres Zerwürfnis zwischen Washington und Moskau ausgelöst. Russlands UN-Botschafter Witali Tschurkin verließ eine kurzfristig einberufene Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats am Samstagabend bei Ankunft seiner amerikanischen Kollegin Samantha Power. Zudem bezeichnete er den Angriff, bei dem mindestens 60 Menschen ums Leben kamen und 100 weitere verletzt wurden, als möglicherweise gewollt.

          Am Samstagabend hatte das syrische Staatsfernsehen berichtet, dass Kampfjets der von den Amerikanern angeführten Koalition im Osten Syriens Truppen des Regimes angegriffen hätten. Sowohl die Opposition als auch das Pentagon bestätigten Luftangriffe. Aus dem Pentagon hieß es allerdings, man habe IS-Stellungen attackieren wollen. „Die Koalitionstruppen glaubten, sie attackieren Daesch-Kampfstellungen“, sagten Vertreter des amerikanischen Verteidigungsministeriums am Samstag in Washington. Daesch ist die arabische Bezeichnung für die Dschihadistengruppe „Islamischer Staat“ (IS). Die Koalition habe die Luftangriffe „sofort eingestellt“, als sie von russischer Seite darüber informiert worden sei, dass sie möglicherweise auf syrisches Militär ziele.

          Die oppositionsnahe syrische Beobachterstelle für Menschenrechte spricht ebenfalls von einem Luftangriff. Mindestens 80 syrische Soldaten seien dabei getötet worden. Der Angriff habe sich in der Nähe des Militärflughafens in der Provinz Deir al-Sor ereignet. Das berichtete auch die Staatsagentur Sana. Die Opposition meldete, durch den Angriff sei es Kämpfern der Extremisten-Miliz „Islamischer Staat“ (IS) gelungen, die syrischen  Truppen in Dschebel Tharda zurückzudrängen.

          Washington wirft Russland Effekthascherei vor

          Tschurkin erklärte, es sei möglich, dass der „rücksichtslose“ Luftangriff ausgeführt wurde, um die Umsetzung der mühsam ausgehandelten Syrien-Vereinbarung zu behindern. Zur aus seiner Sicht von den Vereinigten Staaten verletzten Einhaltung der Waffenruhe sagte er: „Ehrlich gesagt, weiß ich nicht, was der nächste Schritt sein wird.“ Als endgültig gescheitert bezeichnete er die Vereinbarung aber nicht.

          Power, die wegen ihres Statements vor Journalisten laut Tschurkin einen Teil von dessen Kommentaren im höchsten UN-Gremium verpasste, bezichtigte Russland der Effekthascherei. „Selbst nach russischen Standards ist der Stunt von heute Abend - ein Stunt voller Moralismus und Effekthascherei - auf einzigartige Weise zynisch und scheinheilig“, sagte Power.

          Sie zeigte sich empört, dass Russland eine Dringlichkeitssitzung einberief, unzählige Angriffe auf die Bevölkerung durch das syrische Regime aber unbeantwortet gelassen hatte. Power drückte das Bedauern der Vereinigten Staaten aus, dass bei dem Angriff Menschen ums Leben gekommen seien.

          Die syrische Armee erklärte, der Angriff sei ein Beweis dafür, dass die Vereinigten Staaten den IS unterstützten. Die Extremisten ließen über ihre Agentur Amak verlauten, dass sie die komplette Kontrolle über Dschebel Tharda errungen hätten.

          Moskauer Angaben zufolge kamen die Flugzeuge der Koalition aus dem Irak in den syrischen Luftraum und flogen vier Angriffe. Ministeriumssprecher Igor Konaschenkow schloss nicht aus, dass die Attacke ein Versehen sei. Er führte den Fehler zurück auf die Weigerung der Amerikaner, ihr militärisches Vorgehen gegen terroristische Gruppen in Syrien mit Russland abzustimmen.

          Wenn die Stellungen versehentlich ins Visier der Koalition geraten seien, zeige dies die „hartnäckige Weigerung“ der Vereinigten Staaten, ihre Angriffe mit der russischen Seite abzustimmen, erklärte das Verteidigungsministerium in Moskau. Russland ist ein Verbündeter  von Machthaber Baschar al-Assad.

          In einer von den Vereingten Staaten veröffentlichten Liste waren Luftangriffe auf Versorgungsrouten des IS bei Deir al-Sor verzeichnet. Nach Angaben der Beobachtungsstelle flogen zeitgleich mit der von Amerika geleiteten Koalition auch russische Kampfjets Angriffe in der Region.

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