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Nach der Tötung des Al-Qaida-Führers : Aus der Welt von gestern

  • -Aktualisiert am

Islamisten in Kairo protestieren nahe der amerikanischen Botschaft in der ägyptischen Hauptstadt Bild: AFP

Mit der „Arabellion“, der Suche nach Freiheit, hatte Bin Ladin nichts zu tun. Der Al-Qaida-Führer stand für die Welt von gestern, auch wenn ihn einige zum Märtyrer stilisieren sollten. Bedeutet sein Tod den Anfang vom Ende des Islamismus?

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          Auch nach der Tötung Usama Bin Ladins wird der Terror zunächst wohl weitergehen. Einige seiner Anhänger, im Libanon und im Jemen, haben schon Rache geschworen. Nur aus dem Irak, der besonders unter dem Terror von Al Qaida gelitten hat, kamen rundum positive Stellungnahmen zum Tod Bin Ladins, in anderen arabischen Ländern waren die Reaktionen viel zurückhaltender, oft indifferent.

          Trotzdem kann man darüber spekulieren, ob das Ende des „Erzterroristen“ nicht zu einem Zeitpunkt kam, wie er günstiger und auch symbolträchtiger vielleicht gar nicht hätte sein können. Bedeutet Bin Ladins Tod den Anfang vom Ende des Dschihadismus oder selbst des Islamismus?

          Dies gewiss nicht; doch deutet der Ausbruch der „Arabellion“ vor nun viereinhalb Monaten darauf hin, dass in der islamischen Welt eine andere Bewegung im Vormarsch ist: ein Streben nach dem Ende der orientalischen Despotie, wie sie seit Gründung des Pharaonenreichs am Nil und der Staaten im antiken Zweistromland, Babylonien und Assyrien, vorherrschte, hin zu Pluralismus, Zivilgesellschaft, ja am Ende zur Demokratie, wie auch immer die aussehen mag.

          Die Führung der Islamischen Republik Iran hat in den vergangenen Wochen immer wieder versucht, die „Arabellion“ als einen islamischen Volksaufstand darzustellen, gewissermaßen als eine späte Erfüllung der radikalislamischen Ideen, deren Verbreitung vor mehr als dreißig Jahren Ajatollah Chomeini angestrebt hatte. Doch seit die Unruhen auch Syrien erfasst haben, mit dem Iran eng verbündet ist, schweigt man in Teheran. Man müsste ja sonst das dortige Aufbegehren als islamische Bewegung gegen den Verbündeten und Freund interpretieren.

          Zwei großen Strömungen

          Ein großer Teil der islamischen Welt ist in den vergangenen Jahrzehnten von zwei großen Strömungen geprägt worden. Im Gefolge des kolonialen Kehraus, nach dem Ende der Protektorats- und Mandatsherrschaften europäischer Mächte, wie Großbritannien, Frankreich oder Italien, etablierten sich in den neuen, unabhängig gewordenen Staaten des Nahen Ostens und Nordafrikas meistens sich säkular verstehende Militärherrschaften, die den arabischen, türkischen oder iranischen Nationalismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten.

          Das wurzelte in der Reformbewegung des Osmanischen Reiches, wo unter dem Sultan Selim III. schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts der Modernismus in Gestalt einer Heeresreform, der „Nizam-i cedid“ oder „Neuen Ordnung“, Fuß gefasst hatte. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurde von Militärs von oben herab modernisiert. Ihren Höhepunkt erreichte dies in der Türkei unter dem General Kemal Atatürk und in Ägypten unter Mohammed Naguib und Gamal Abdel Nasser. Ausnahmen blieben die traditionellen Monarchien am Golf, denen der Ölreichtum bei der Bewahrung ihrer Systeme und dem Einkauf von Fortschritt bis zum heutigen Tag zugute kommt.

          Versteinerte Regime

          Das Modernisierungskonzept säkularer Militäreliten ist weitgehend gescheitert. Dies ist auch einer der Gründe dafür, warum nach der verheerenden arabischen Niederlage gegen Israel im Sechstage-Krieg von 1967 eine zweite Strömung ihren Siegeszug antreten konnte: der Islamismus, der politische Islam. Darin spielte Saudi-Arabien eine tragende Rolle. „Der Islam ist die Lösung“, lautete die Parole dieser Bewegung, die in der Machtübernahme Chomeinis 1979 in Iran ihren Höhepunkt erreichte und seither in vielen Ländern die weltlichen Elemente in den Hintergrund drängte.

          Freilich wuchsen auch die Bäume der Islamisten nicht in den Himmel. Das iranische Beispiel hat nicht gehalten, was es versprach. Und auch andernorts zeigten die stärkere Betonung und Beachtung islamischer Prinzipien nicht die Früchte, die man erwartet hatte. Von einer reichen Ernte konnte niemals die Rede sein, im Gegenteil: Im Jahre 2004 bescheinigte der Zustandsbericht der Vereinten Nationen der arabischen Welt eine innovatorische Schwäche sowie ökonomische und zivilisatorische Zurückgebliebenheit. Die Regime der Region waren und sind versteinert.

          Dagegen begehrt die Arabellion auf. „Weder West noch Ost, sondern Islam“ lautet die Formel der Islamisten. Die bunte Menge derjenigen, die nun zwischen Tunis und Sanaa demonstrieren, folgt jedoch einer anderen Parole: „Weder Militärdiktatur noch islamistische Despotie, sondern Freiheit“ (hurriya). Was darunter im einzelnen zu verstehen sei, ist mit Sicherheit in nahöstlichen Kontexten noch nicht endgültig definiert, weder in Tunis noch in Kairo. Doch westliche Vorbilder der Zivilgesellschaft haben, nicht zuletzt dank des Internets, eine nicht zu unterschätzende Strahlkraft entwickelt.

          Selbstverständlich werden dezidiert islamische Kräfte auch künftig eine Rolle spielen. Seit eineinhalb Jahrtausenden prägt der Islam zutiefst die Vorstellungen und Lebenswelten der nahöstlichen Bevölkerungen. In Ägypten wie in Tunesien zeichnet sich ab, dass sie das in einem weniger autoritären Rahmen als dem islamistischen tun wollen. Diese beiden Länder haben in der Region Vorbildcharakter. Und mit Usama Bin Ladin ist eine Figur verschwunden, die für die Welt von gestern stand, auch wenn ihn einige zum Märtyrer stilisieren sollten.

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