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Nach dem Sturz Mubaraks : Inspiration für Arabien

Inspiration für Arabien: Demonstrantin am Sonntag in Kairo Bild: dapd

Die Botschaft der Revolutionen von Tunesien und Ägypten ist klar: Der Nahe Osten kann verändert werden, von innen und aus eigener Kraft. Sollten die Generäle in Kairo das vergessen, wären die Demonstranten rasch zurück.

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          Ein Stromstoß geht durch die arabische Welt: Wenn Massenproteste selbst einen Autokraten wie Mubarak zu Fall bringen können, dann kann kein Herrscher sich seiner Sache mehr sicher sein. Ägypten war nach dem Zweiten Weltkrieg die erste säkulare Diktatur in der arabischen Welt. Nun ist diese von einer jugendlichen, säkularen Bewegung nach 18 Tagen gestürzt worden. Nicht der Islam war dabei Vorbild, sondern die Revolte in Tunesien. Eine machtvolle Idee ist geboren: Unzufriedene Bürger können einen Autokraten oder Diktator absetzen. Das also ist die Botschaft: Der Nahe Osten kann doch verändert werden, von innen und aus eigener Kraft.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Die ägyptische Revolution, die am 25. Januar begonnen hatte, war friedfertig. Das Blut, das vergossen wurde, klebt an den Händen der Schergen des Sicherheitsapparats Mubaraks. Der hat die Macht an ein Führungsgremium der Armee abgetreten. Dieser Hohe Militärrat beteuert, die Machtübernahme sei vorübergehend und die einzige Legitimität gehe vom Volk aus. Sollten die Generäle das vergessen, wären die Demonstranten rasch zurück.

          Ägypten braucht kein Vorbild

          Gewaltig sind die Aufgaben, vor denen das neue, demokratische Ägypten steht: Es muss die Gesellschaft stärken und den Staat zurückdrängen, die Macht des Militärs schwächen, mit kluger Politik der Jugend Perspektiven eröffnen und Islamisten in die politische Ordnung einbinden. Die Ägypter sind überwiegend fromme Muslime, aber nur eine Minderheit ist islamistisch. Dass diese Aufgaben lösbar sind, zeigt das Beispiel Türkei. Dort hat der politische Wettbewerb viele Islamisten zu muslimischen Demokraten werden lassen, und der wirtschaftliche Aufschwung macht heute Karrieren in der Privatwirtschaft attraktiver als solche in der Armee.

          Eigentlich braucht Ägypten gar kein Vorbild, es kann auf seine eigene Geschichte zurückgreifen. Die Protestbewegung, die zum Diktatorensturz führte, hat noch keine fertige Ideologie hervorgebracht. Aber sie entsteht, sie wird liberal und links von der Mitte sein. Den Anstoß hatten Streiks unterbezahlter Arbeiter und Jugendliche gegeben, die gegen Unterdrückung aufbegehrten - soziale Gerechtigkeit und Freiheit sind die großen Themen. Noch ist die neue Ideologie nicht ausformuliert, und von außen wird sie nicht importiert werden. Wie auch? Sie muss schließlich eine Antwort auf die inneren Unzulänglichkeiten im bisherigen Regime geben.

          Damit läuft es auf einen Wettbewerb zweier politischer Lager hinaus: zwischen einem säkularen linksliberalen Denken arabischer Prägung und einem islamistischen Diskurs, der sich im Wettbewerb um Stimmen allerdings wird (weiter) mäßigen müssen. Das Ägypten der Zukunft knüpft damit an die Konstellation in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts an. In seiner liberalen Epoche war Ägypten das Zentrum der arabischen Welt. Von der damaligen intellektuellen und kulturellen Kreativität Ägyptens zehren die Araber noch heute.

          Rückschlag für den Westen

          Zwei politische Ideen hatten sich gegenüber gestanden. Mit der Revolution Saad Zaghluls gegen die britischen Besatzer hatte sich 1919 ein nach Freiheit strebendes Bürgertum formiert; aus den Protesten gegen die britische Präsenz am Suezkanal, angeführt von dem Lehrer Hasan al Banna, entstand 1928 die islamistische Muslimbruderschaft. Dann beendete das Militär, das den unteren Schichten die einzige Möglichkeit zum sozialen Aufstieg bot, die liberale Epoche - zunächst 1952 in Ägypten, dann in Syrien, im Irak und in vielen anderen Staaten. Ägypten hatte diese inspiriert und den Anfang gemacht.

          Ein halbes Jahrhundert später wird ein Ägypten wieder eine Quelle der Inspiration. Wäre das Aufbegehren in Chaos abgeglitten, hätte es abschreckend gewirkt. Erfolgreich aber strahlt es nun auf andere Staaten aus. Ägypten ist dabei, seine alte Führungsrolle in der arabischen Welt wieder zu übernehmen. Das hat natürlich Folgen für die Autokraten, Diktaturen und Monarchien Arabiens, selbst wenn die Dominosteine nicht fallen und es nicht zu raschen Stürzen in den kommenden Wochen kommt. Anders als in Mittel- und Osteuropa vor 1989 sind die Regime Arabiens zu verschieden, sie werden von keiner gemeinsamen Ideologie geeint. In Syrien erstickt der mächtige Sicherheitsapparat jeden Dissens im Keim, in den Golfstaaten erkaufen Öl und Erdgas Loyalität. Die Regime wissen aber, dass auch ihre Stunde schlagen könnte, sollten sie ihren Bürgern nicht mehr Freiräume zugestehen.

          Mubaraks Sturz ist ein Rückschlag für jene im Westen und in Israel, die der Auffassung sind, nur autoritäre Regime könnten Stabilität im Nahen Osten garantieren, nicht aber demokratische Ordnungen. Es hat das ohnehin geringe Ansehen Israels in der arabischen Welt gewiss nicht verbessert, dass Ministerpräsident Netanyahu sich gegen die Demokratiebewegung gestellt hat. Dennoch wird sich die Außenpolitik Ägyptens nicht ändern, und die Armee wird Israel auch künftig nicht angreifen. Der Westen wiederum kann mit einem Marschall-Plan, der nachholt, was sein Verbündeter Mubarak unterließ, zur Festigung der keimenden Demokratie und damit zu einer neuen Stabilität im Nahen Osten beitragen.

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