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Nach dem Sturz : Ägyptens Wachstum

Der neue starke Mann Ägyptens, Omar Suleiman, bat die Bevölkerung, doch bitte nicht ausländischen Fernsehsendern zu vertrauen Bild: dapd

Das Regime von Husni Mubarak verbesserte das Pro-Kopf-Einkommen seiner Bürger. Die Ägypter scherte das wenig. Denn das Dilemma der Diktatur ist: Sie muss ihre Bevölkerung bilden, wenn sie Wirtschaftswachstum will. Doch sie will dumme Bürger, die nicht revoltieren.

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          Die Vereinten Nationen veröffentlichen jedes Jahr im Human Development Report, welche Länder den Wohlstand und das Wohlbefinden ihres Volkes besonders erfolgreich mehren. Nach dem im Herbst 2010 vorgelegten Bericht war Ägypten in dieser Hinsicht eines der erfolgreichsten Länder der Welt. Das Regime von Husni Mubarak verbesserte Bildung, Gesundheit und vor allem das Pro-Kopf-Einkommen seiner Bürger.

          Das Bruttosozialprodukt pro Kopf wuchs seit 1970 jährlich um 2,5 Prozent, das ist im globalen Vergleich schon ein ziemlich guter Wert. In den letzten Jahren wuchs dieser Wert sogar auf fünf Prozent. Institutionen wie die Weltbank bescheinigten dem Land am Nil, auf einem guten Weg zu mehr Prosperität zu sein und selbst die Armut besser in den Griff zu bekommen.

          Die Ägypter hat das nicht geschert, sie haben ihren Präsidenten aus dem Amt gejagt und Geschichte geschrieben. Und das ist eine beunruhigende Nachricht für die Diktaturen auf der ganzen Welt. Wenn stattliches Wachstum und Wohlstandsmehrung nicht mehr reichen, ein Volk zu zügeln, was bleibt ihnen dann außer Repression?

          Die größte Bedrohung der Diktatur: Bildung

          Tatsächlich trägt schnelles Wachstum nicht zwangsläufig zur Stabilisierung politischer Systeme bei. Wenn die politischen Institutionen mit dem Wachstumstempo nicht mithalten können, dann kann sogar das Gegenteil eintreten. Das Wachstum in Ägypten ist einhergegangen mit einem besseren Bildungsniveau vieler Ägypter. Das hat ihnen erst die Basis gegeben, sich zu informieren über die Welt, das Leben und wie es sein könnte, wenn es besser wäre.

          Bildung gibt den Menschen erst die Fähigkeit, die Informationen zu verarbeiten, die Kabelfernsehen, Handys und Internet verbreiten. Kein Wunder, dass der neue starke Mann Ägyptens, Omar Suleiman, seine Landsleute bat, doch bitte nicht ausländischen Fernsehsendern zu vertrauen. Autoritäre Regime armer Länder stecken in einem zentralen Dilemma. Sie müssen ihre Leute klug machen, damit ihre Volkswirtschaften der Armut entrinnen. Aber sie müssen die Leute gleichzeitig dumm halten, um ihre eigene Macht nicht zu gefährden. Der Schlüssel zum Wachstum ist die Bildung, und Bildung ist die größte Bedrohung der Diktaturen.

          China ist nur auf den ersten Blick das lebende Gegenteil: eine nach außen hin politisch stabile Parteidiktatur, die außergewöhnliche Wachstumsraten vorlegt, welche zunehmend von gut ausgebildeten Bürgern erwirtschaftet werden.

          Die gute Alternative: Demokratie

          Doch gerade China hat das Dilemma erkannt, dass kluge Bürger schnell gefährlich werden und auf riskante Gedanken kommen können. Deshalb trachtet das Land mit aller Macht danach, die Informationen, die ihre Bürger erreichen, zu filtern.

          Die Chinesen hatten es schwer, sich im Internet über die Massenproteste in Kairo zu informieren. Dazu kommt, dass Chinas Regime es offenbar besser schafft als viele andere Diktaturen, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu berücksichtigen. Es bekämpft Korruption mit beachtlicher Energie und beweist eine Anpassungsfähigkeit, die gewöhnliche Diktaturen nicht vorweisen. Andererseits kommt es im Land immer wieder auch zu Unruhen, die einen Hinweis darauf geben, dass China fragiler ist, als es gelegentlich erscheint. Dass auf Pekings Tiananmen-Platz ebenfalls Geschichte geschrieben wurde wie auf dem Tahrir-Platz in Kairo, das hat kein chinesischer Politiker vergessen. Für eine Zeitlang mag es Hu Jintao gelingen, sein klüger werdendes Volk durch Wachstum und Wohlstand von Revolten abzuhalten. Aber den permanenten Druck, schnell zu wachsen, halten Autokratien auf Dauer nur schwer aus.

          Die gute Alternative heißt Demokratie.

          Winand von Petersdorff-Campen

          Wirtschaftskorrespondent in Washington.

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