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Nach dem Mubarak-Rücktritt : Der Großputz von Kairo

Mit Schaufel und Besen Bild: dpa

Am ersten Tag nach dem Rücktritt Husni Mubaraks räumen die Menschen in Ägypten auf. Und fangen schon an, ein neues Land zu bauen. Sie glauben an die Freiheit.

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          Mit Besen und Kehrwisch in der Hand gehen Ghada und ihre Freundinnen festen Schrittes auf der Brücke über den Nil in Richtung Tahrir-Platz. Über Facebook haben sie erfahren, dass der Tag nach Mubaraks Rücktritt der Tag des großen Hausputzes ist. Noch einmal strömen aus allen Stadtteilen Zehntausende auf den Platz, von dem aus Staatspräsident Husni Mubarak gestürzt wurde. Heute wollen sie den Platz nicht nur von den Abfällen der vergangenen 18 Tage reinigen. Der Großputz hat auch eine symbolische Bedeutung.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          "Wir säubern den Platz auch vom Schmutz der Vergangenheit", sagt die 22 Jahre junge Bankangestellte Ghada. "Wir wollen ein sauberes, ein modernes Ägypten." Sie und einige der Gruppe zeigen ihr Haupthaar offen, andere tragen Kopftuch. Sie sind enge Freundinnen. "Gestern haben wir noch demonstriert, von heute an bauen wir ein neues Ägypten." Sie machen sich an die Arbeit.

          Überall sind die Putzkolonnen am Werk, auf dem Platz, in den Seitenstraßen, auch in anderen Stadtteilen. Sie schrubben und kehren, jeder Zigarettenstummel, jeder Papierfetzen wird einzeln aufgehoben und in einen schwarzen Abfallsack geworfen. So blitzsauber war der "Platz der Befreiung" noch nie. An einer Ampel hängen noch Satteltaschen und Steigbügel der Pferde, deren Reiter im Sold des Regimes am "blutigen Mittwoch" mit Macheten und Pistolen auf dem Platz mit mutmaßlich zweihundert Toten ein Massaker angerichtet hatten.

          Der ausgebrannte Laster hatte als Straßensperre gedient

          Muhammad Mansour, 21 Jahre jung, Student der Betriebswirtschaft, stützt sich auf seinen Besen, hat noch immer seine weißen Handschuhe an und legt eine Pause ein. Er trägt ein Plakat: "Wir bitten um Verständnis, wir bauen gerade Ägypten!" Er ist gekommen, um Ägypten von der Korruption zu säubern. Das neue Ägypten solle zeigen, was Ägypten in Freiheit zu leisten vermag.

          Die meisten putzen, andere feiern noch, halten Reden, rezitieren Oden an die Freiheit, berauschen sich an der Wiedergeburt Ägyptens. Dahinter wird ein Reisebüro, das 18 Tage in ein Lazarett umgewandelt war, wieder hergerichtet, es soll heute noch wiedereröffnet werden. In den Tagen zuvor hatten die Menschen gelobt, wie viel besser dort die medizinische Betreuung als in einem staatlichen Krankenhaus gewesen sei. Einige Soldaten, noch immer in Kampfuniform, gehen vorbei. Auch sie lachen nun nach den langen Tagen der Anspannung. Nie hatte es Zweifel gegeben, auf welcher Seite in diesem Konflikt zumindest die einfachen Soldaten auf den Straßen standen.

          Nebenan hat nach 18 Tagen das Kaffeehaus "Nile Valley Cafe" wieder geöffnet. Für den nicht mehr ganz so jungen Anwalt Ibrahim Noufal ist heute ein Feststag. Im Zweireiher kam er aus dem Stadtteil Gizeh und blickt von seinem runden Tischchen auf. "Das ist die Fortsetzung der Revolution von 1919", sagt er.

          Jetzt soll Demokratie Ägypten Stabilität bringen

          Damals hatte der liberale Politiker Saad Zaghlul eine Protestbewegung gegen die britischen Besatzer begonnen, die 1922 in die Unabhängigkeit mündete und die liberale Epoche Ägyptens einleitete. Sie endete 1952 mit der Machtübernahme durch die Offiziere um Gamal Abd al Nasser. Von der kulturellen Kreativität Ägyptens jener drei Jahrzehnte zehrt die arabische Welt noch heute.

          Ein Held sei Mubarak ja schon einige Jahre gewesen, als Luftwaffenchef in Krieg von 1973 gegen Israel und in den ersten Jahren seiner Amtszeit, meint der Anwalt. Dann sei er von einer "Mafia" umgeben worden. Der Anwalt kann die Besessenheit des Westens, sich Stabilität im Nahen Osten nur mit einer autoritären Herrschaft vorstellen zu können, nicht begreifen. "Im Inneren hatten wir doch nie Stabilität, wir hatten immer nur Angst", ruft er aus und schiebt rhetorisch nach, ob für den Westen denn die Beziehung eines Landes zu Israel das einzige Kriterium für "Stabilität" sei. Jetzt werde die Demokratie Ägypten Stabilität bringen.

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