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Nach Anschlägen in Israel : Angst breitet sich aus

Im Jerusalemer Viertel Beit Hanina patrouillieren bewaffnete Sicherheitsleute Bild: dpa

Nach mehreren Anschlägen in Jerusalem fürchten sich immer mehr Israelis im Alltag. Mütter bringen ihre Kinder nicht mehr in den Kindergarten, Bürgerwehren werden gebildet und der Ruf nach mehr Sicherheitskräften wird laut.

          Es ist ein warmer Spätherbsttag. Trotzdem geht Michal Fishman mit ihren beiden Kindern nicht mehr an die frische Luft. Draußen sei es einfach zu gefährlich. „Ich gehe mit ihnen nicht mehr in den Park, ins Einkaufszentrum oder in den Supermarkt“, sagt die junge Mutter, die im Zentrum von Westjerusalem lebt. Stattdessen kauft sie ihnen neues Spielzeug und lädt die Freunde ihrer drei und viereinhalb Jahre alten Jungs in ihre Wohnung ein. „Seit Dienstag ist es nirgendwo mehr sicher“, sagt Fishman. Sie meint den jüngsten blutigen Terroranschlag in Jerusalem. Den Tag danach durften ihre Söhne nicht einmal in den Kindergarten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Mit Erschrecken haben viele israelische Eltern festgestellt, dass die Tagesstätten, denen sie jeden Morgen ihren Nachwuchs anvertrauen, genauso ungeschützt sind wie die Synagoge, in der zwei Palästinenser vier Rabbiner und einen Polizisten ermordeten. An den Türen der meisten Kindergärten gibt es höchstens eine Gegensprechanlage und einen Notrufknopf – seit Dienstag hängt dort oft ein Zettel mit der Ermahnung, die Türe sofort wieder zu schließen. Michal Fishman und den gut sechstausend Frauen, die dem von ihr gegründeten „Jerusalemer Mütter-Forum“ angehören, ist das viel zu wenig. „Wir verlangen einen bewaffneten Wachmann vor jeder Tagesstätte, nicht nur in denen nahe der Grenze zwischen Ost- und Westjerusalem.“

          Früher tauschten die Mütter in ihrem Forum übers Internet Rezepte für den Kindergeburtstag und Arztadressen aus. In der nächsten Woche werden sie an einer Dringlichkeitssitzung des Bildungsausschusses teilnehmen, die der Knesset-Abgeordnete Erel Margalit angesetzt hat. „Wir müssen unsere Kinder schützen. Die Regierung muss dafür die Haushaltsmittel zur Verfügung stellen“, sagt Margalit, der der oppositionellen Arbeiterpartei angehört. Aber solche Forderungen, die mittlerweile Eltern im ganzen Land erheben, überfordern die Stadtverwaltungen und den Staat.

          Das führte dazu, dass Ministerien und Behörden schon zu streiten begannen, wer die Kosten tragen soll. Allein in Jerusalem gibt es tausend Tagesstätten für jüdische Kinder. Für zweihundert hat die Stadtverwaltung Wachleute vorgesehen. Aus Mangel an Bewerbern konnte sie schon vor dem Beginn der Anschlagsserie nicht alle Stellen besetzen, da diese meistens sehr schlecht bezahlt sind.

          Margalit und die Jerusalemer Mütter verlangen deshalb, den Wachdienst nicht nur finanziell attraktiver zu machen, so dass sich zum Beispiel Studenten oder Soldaten nach ihrem Wehrdienst bewerben, von denen es viele gibt. Lange wollen viele besorgte Eltern aber nicht mehr warten. Notfalls könnten auch unbewaffnete Väter ein paar Schichten übernehmen, sagt eine besorgte Mutter.

          Die Regierung erleichtert den Waffenbesitz

          An Freiwilligen mangelt es in Jerusalem nicht. Bald werden Reservisten einer Eliteeinheit durch das Viertel patrouillieren, in dem die angegriffene Synagoge steht. Am Tag nach dem Attentat meldeten sich mehrere hundert Einwohner für den Dienst in der Bürgerwehr. Die Stadtverwaltung hatte sich in einem Aufruf an die Bewohner gewandt, die eine Waffe besitzen.

          Die Regierung erleichterte am Donnerstag den Waffenbesitz. Nach Einschätzung der Zeitung „Haaretz“ könnten dadurch Zehntausende Israelis einen Waffenschein erhalten, die bisher die Vorgaben dafür nicht erfüllt hatten. Reserveoffiziere, ehemalige Polizisten und Mitarbeiter der Flughafensicherheit können sich nun auch darum bewerben. Wachleute von Sicherheitsdiensten dürfen in den nächsten Monaten ihre Pistole mit nach Hause nehmen.

          Wie tief die Verunsicherung reicht, ließ sich am Donnerstag in der südisraelischen Hafenstadt Aschkelon beobachten. Dort bauen arabische Arbeiter in Kindergärten und Grundschulen in diesen Tagen neue Schutzräume. Bisher war die Stadt nur mit Raketen aus dem Gazastreifen angegriffen worden. Bürgermeister Itamar Schamoni ordnete aus Angst vor der neuen Terrorbedrohung trotzdem an, die Baustellen für die Schutzräume stillzulegen und künftig dort keine Araber mehr zu beschäftigen. „Auf Dringen der Eltern“, wie der Bürgermeister im Internet mitteilte, postierte er am Donnerstag zudem vor Tagesstätten und Grundschulen bewaffnete Wachmänner. Anders als in Jerusalem wollte er nicht erst abwarten, wer am Ende die Kosten dafür übernimmt.

          Der Pauschalverdacht, unter den das Stadtoberhaupt die arabische Minderheit stellte, ging jedoch vielen Israelis zu weit. „Wir können nicht allgemein über eine Bevölkerungsgruppe urteilen, weil eine kleine Minderheit gewalttätig ist“, sagte Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Ähnlich kritisch reagierten Eltern in Aschkelon, um deren Kinder es geht. Der Vorschlag des Bürgermeisters sei der reine Populismus, teilte der städtische Elternbeirat mit.

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