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Nach Angriff auf syrische Ziele : Angst vor einer neuen Front

„Eiserne Kuppel“: Israelische Luftabwehrraketen nahe der Stadt Haifa Bild: REUTERS

Nach den israelischen Luftschlägen herrscht nun wieder Ruhe an den israelischen Grenzen zu Syrien und zum Libanon. Dennoch wächst die Sorge vor einer Eskalation des Konflikts. UN-Generalsekretär Ban ruft zur „Anerkennung der nationalen Souveränität“ auf.

          Die israelische Armee hat sich für alle Möglichkeiten gerüstet. Doch bis Montagmittag blieb es an den Grenzen zum Libanon und zu Syrien ruhig. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu schätzte die Lage offenbar ebenfalls als nicht dramatisch ein: Am Morgen landete er zu einem fünftägigen Besuch in China. Der Luftraum über Nordisrael, der am Sonntag für den zivilen Luftverkehr gesperrt worden war, soll angeblich schon in den nächsten Stunden wieder geöffnet werden. Israelische Militärs hatten die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Reaktion Syriens und der mit Damaskus verbündeten Hizbullah-Miliz als nicht zu hoch eingeschätzt.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nicht ausgeschlossen wird allerdings, dass die Hizbullah Terroranschläge auf Israelis oder jüdische Einrichtungen in anderen Ländern verüben könnte. Die Sicherheitsvorkehrungen in den israelischen Botschaften wurden deshalb verstärkt. Der syrische Präsident Baschar al Assad wisse, dass eine neue Front sein Ende nur beschleunigen werde, hieß es in Jerusalem: Israel könnte zum Beispiel seine Luftwaffe zerstören,  auf der bisher die militärische Überlegenheit des syrischen Machthabers beruht.

          Geheimdienstchef: „Iran testet rote Linien aus.“

          Auch die libanesische Hizbullah-Miliz und ihre Unterstützer in Teheran sind zu stark in den syrischen Bürgerkrieg verwickelt und haben nach israelischer Einschätzung wohl kein großes Interesse an einer weiteren Front. Ein offener Konflikt birgt für die Hizbullah das Risiko, dass Israel das mühsam aufgebaute Raketenarsenal der Miliz dezimieren könnte. An einer solchen Schwächung der Hizbullah hat auch Iran derzeit kein Interesse.

          Die israelische Regierung hat bisher eine Beteiligung an den beiden Angriffen am Wochenende nicht bestätigt. Für eine israelische Urheberschaft spricht aber einiges, wie etwa der frühere Chef des militärischen Geheimdienstes Amos Jadlin andeutete: „Iran teste die Entschiedenheit Israels und der Vereinigten Staaten mit Blick auf deren ,Rote Linien‘. In Syrien musste Iran feststellen, dass zumindest einige der Beteiligten die Roten Linien ernstnehmen“, sagte Jadlin im israelischen Rundfunk, ohne genauer anzugeben, wen er damit meinte.

          Israelische Kampfjets hatten in der Nacht zum Sonntag nach Medienberichten ein militärisches Entwicklungszentrum nahe der syrischen Hauptstadt Damaskus angegriffen. Aus libanesischen Diplomatenkreisen hieß es, die drei Ziele seien der nordwestlich von Damaskus gelegene Forschungskomplex  Dschamraja, ein nahe gelegenes Waffendepot sowie eine  Luftabwehrstellung im westlich der Hauptstadt gelegenen Sabura  gewesen.

          Nach Informationen der „New York Times“ kamen bei dem Angriff Dutzende syrische Elitesoldaten um, die nahe dem Präsidentenpalast stationiert waren. Auch dafür gab es aus Syrien zunächst keine offizielle Bestätigung. Die syrische Führung hatte den Angriff als Kriegserklärung Israels bezeichnet. Syrien werde zu gegebener Zeit Vergeltung üben, sagte der stellvertretende syrische Außenminister Faisal al Makdad dem amerikanischen Sender CNN am Sonntag. Formell befinden sich beide Staaten seit Jahrzehnten im Kriegszustand.

          Ban Ki-moon ruft zur Zurückhaltung auf

          UN-Generalsekretär Ban Ki-moon rief am Sonntag alle Beteiligten zu äußerster Zurückhaltung und zur „Anerkennung der nationalen Souveränität und territorialen Integrität aller Länder in der Region“ auf. Am Sonntag habe Ban zudem mit dem Generalsekretär der Arabischen Liga, Nabil al-Arabi  telefoniert, sagte ein UN-Sprecher. Die Arabische Liga forderte  ihrerseits den UN-Sicherheitsrat zum Handeln auf.

          Die syrische Regierung hatte zuvor einen  Brandbrief an den UN-Sicherheitsrat geschickt. Das syrische Kabinett erklärte nach einer Sondersitzung am Sonntag,  Syrien habe das Recht und die Pflicht, sein Land und Volk „mit  allen Mitteln“ vor Angriffen zu schützen. In dem Brief an den  UN-Sicherheitsrat beschuldigte das syrische Außenministerium Israel zudem, mit „terroristischen Gruppen“ in Syrien wie der  islamistischen Al-Nusra-Front zusammenzuarbeiten. Auch das syrische Oppositionsbündnis Nationale Koalition verurteilte die Angriffe. Der frühere israelische Botschafter in Deutschland, Shimon Stein, fürchtet nun dramatische Folgen: Niemand könne voraussagen, ob die  Regierung in Damaskus solche Angriffe unbeantwortet lasse oder die  Hizbullah ihr Waffenarsenal jetzt mithilfe Irans weiter  aufstocke und auch einsetze, sagte er dem „Tagesspiegel“.

          Debatte in Washington

          In den Vereinigten Staaten appellierten derweil mehrere Abgeordnete an Präsident  Barack Obama, die syrischen Rebellen im Kampf gegen das Assad-Regime mit Geheimdienstinformationen und speziellem Training zu unterstützen. In Kooperation mit den Staaten der  Arabischen Liga könne dies „sehr dabei helfen, das Regime schneller  zu stürzen“, sagte der republikanische Vorsitzende des  Geheimdienstausschusses, Mike Rogers, im TV-Kanal CBS. Auch der  Demokrat Dutch Ruppersberger sprach sich für eine enge Abstimmung  mit der Arabischen Liga und anderen Staaten der Region aus.

          Die Arabische Liga forderte die Vereinten Nationen auf, sich stärker in Syrien zu engagieren. Iran verurteilte die Angriffe. Ein Sprecher des Außenministeriums in Teheran warf Israel vor, die Region zu destabilisieren. Der Oberkommandierende der Armee, General Ahmad Reza Purdestan, bot Syrien am Sonntag Ausbildungshilfe für seine Truppen an, sollte das Land diese Unterstützung wünschen. Ein „aktives Eingreifen in die Operationen“ lehnte er ab.

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