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Mubarak tritt zurück - Militär übernimmt : Jubel in ganz Ägypten

  • Aktualisiert am

Auf dem Tahrir-Platz wird gefeiert Bild: dpa

Nach fast 30 Jahren an der Macht hat der Druck der Straße den ägyptischen Staatschef Husni Mubarak in die Knie gezwungen. Vizepräsident Omar Suleiman erklärte am Freitag im staatlichen Fernsehen, Mubarak sei zurückgetreten und habe die Führung des Landes in die Hände der Streitkräfte gelegt.

          Ägyptens Präsident Husni Mubarak ist nach 30 Jahren autokratischer Herrschaft von einem Volksaufstand aus dem Amt getrieben worden. In dem bevölkerungsreichsten Land der arabischen Welt übernahm ein Militärrat unter Führung des Verteidigungsministers die Macht (siehe auch Video: Suleiman verkündet Rücktritt von Mubarak).

          Hunderttausende feierten auf dem Tahrir-Platz im Zentrum Kairos euphorisch den herbeigesehnten Schritt, lagen sich in den Armen und weinten vor Freude. In den Freudentaumel mischten sich jedoch auch Zweifel, ob das Militär die Demokratie-Träume der Demonstranten nicht schlicht zerplatzen lässt. Weltweit äußerten Regierungschefs Respekt für den Schritt Mubaraks.

          Der amerikanische Präsident Barack Obama hat den Rücktritt Mubaraks begrüßt. Die Stimme des Volkes sei gehört worden. Ägypten sei jetzt nicht mehr dasselbe Land wie vorher. „Aber dies ist nicht das Ende des Wandels in Ägypten, das ist ein Anfang“, sagte Obama am Freitag in Washington. Es stünden schwierige Tage bevor, an deren Ende „echte“ Demokratie stehen müsse. Er rief das ägyptische Militär auf, die Rechte des Volkes zu achten (sieh auch Obama fordert „echte Demokratie“ in Ägypten).

          Ein Käfer in den Farben Ägyptens

          „;Der Alptraum ist vorbei“

          Auf den Straßen Kairos feierten die Demonstranten ausgelassen. Fahnen wurden geschwenkt, Feuerwerkskörper knallten in den Nachthimmel. Das neue Kapitel in der Geschichte des Landes wurde singend und tanzend begrüßt. Rufe wie „Das Volk hat das Regime zu Fall gebracht“ ertönten über den Platz, auf dem die Demonstranten seit 18 Tagen den Rückzug Mubaraks erzwingen wollten. „Der Alptraum ist vorbei“, rief ein 65-jähriger Schneider: „Jetzt haben wir endlich unsere Freiheit und können frei atmen.“

          Der Oppositionspolitiker und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei sprach vielen Ägyptern aus dem Herzen: „Das ist der schönste Tag in meinen Leben.“ Das Militär kündigte für eine Übergangszeit Maßnahmen an. Die Legitimität dieser hänge von der Zustimmung des Volks ab, hieß es in einer im Fernsehen verlesenen Erklärung des Militärrates. Den Streitkräften sei das Ausmaß der Forderungen des Volkes nach einem radikalen Wandel bewusst.

          Beobachter äußersten sich skeptisch, ob sich das Militär auf eine Demokratie nach westlichem Verständnis einlässt. „Das ist bereits das Ende eines Anfangs“, sagte Jon Alterman vom Zentrum für Strategische und Internationale Studien in Washington.

          „Ägypten bewegt sich nicht in Richtung einer Demokratie - es läuft auf ein Kriegsrecht zu und wie es dann weitergeht, ist offen.“ Experten zeigten sich skeptisch, ob Vizepräsident Omar Suleiman als Zivilist mit an der Staatsspitze bleiben werde. Der neue starke Mann, der 75-jährige Verteidigungsminister und Feldmarschall Mohamed Hussein Tantawi, habe sich lange einem Wandel verweigert, hieß es aus amerikanischen Regierungskreisen (siehe auch General Hussein Tantawi: Der Mächtige).

          Die Ära Mubarak fand mit der Revolte gegen die hohe Arbeitslosigkeit, eine korrupte Elite und einen repressiven Polizeistaat ein jähes Ende. Beobachter rechnen mit Erschütterungen in weiteren autokratisch regierten Ländern in der arabischen Welt.

          „Damit bricht eine psychologische Barriere nicht nur für Nordafrika, sondern den gesamten Nahen Osten“, sagte Anthony Skinner von der politischen Risikoberatung Maplecroft. Der frühere Luftwaffenoffizier Mubarak hatte in Ägypten seit 1981 mit fester Hand geherrscht.

          Rücktritt noch am Vortag abgelehnt

          Noch am Donnerstagabend hatte der 82-jährige Staatschef einen Rücktritt abgelehnt, seinem Vize Omar Suleiman aber einige Vollmachten übertragen. Die Kernforderung der Demonstranten blieb aber unerfüllt. Auch die Zusicherung des mächtigen Militärs, demokratische Reformen zu garantieren, beruhigte die Massen nicht: Tausende Demonstranten machten sich am Freitag zum Sturm auf den Präsidentenpalast auf.

          Mubarak verließ am Nachmittag Kairo und flog nach Angaben aus der Regierungspartei mit seiner Familie zum Badeort Scharm El-Scheich, wo es eine Präsidentenresidenz gibt. Um die Lage zu deeskalieren und die Protestwelle zu beenden, garantierte die Armee die Reformzusagen Mubaraks vom Donnerstagabend. Diese umfassen unter anderem die Aufhebung des seit 30 Jahren geltenden Notstandes.

          Merkel: Mubarak hat seinem Volk Dienst erwiesen

          Bundeskanzlerin Angela Merkel und die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton begrüßten den Schritt Mubaraks ebenso wie die US-Regierung. Der Präsident habe seinem Volk einen letzten Dienst erwiesen, sagte Merkel und drängte auf freie Wahlen, welche die ägyptische Regierung für September zugesagt hat.

          Der amerikanische Vizepräsident Joe Biden nannte den Rücktritt einen zentralen Moment in der Geschichte des Landes und des Nahen Ostens. Die Machtübergabe müsse eine nicht mehr rückgängig zu machende Veränderung einläuten. Die sich seit Tagen zuspitzende Konfrontation hatte auch im Westen Sorgen vor einem Ausbruch unkontrollierter Gewalt in der ölreichen Region geschürt.

          Auch der frühere amerikanische Präsident Jimmy Carter hat den Menschen in Ägypten gratuliert. Mit Mubaraks Rücktritt sei ein erster Schritt hin zu einer neuen Ära
          demokratischer Legitimität gemacht, sagte Carter am Freitag. Die Menschen sollten wissen, dass sie beim Aufbau einer demokratischen Nation auf die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft zählen könnten. Carter hatte den 1979 unterzeichneten Friedensvertrag zwischen Ägypten und Israel vermittelt. Mubarak war damals Vizepräsident.

          Die wichtigsten Stationen im Leben des Husni Mubarak

          Der am Freitag zurückgetretene ägyptische Präsident Husni Mubarak hat fast drei Jahrzehnte lang das größte arabischsprachige Land der Welt regiert. Stationen in seinem Leben (siehe auch Video: Historisches Kurzportrait - Das Ende der Ära Mubarak):

          4.05.1928 - Husni Mubarak wird im Dorf Kafr El-Moseilha in Unterägypten als Sohn eines Gerichtssekretärs geboren.

          1947-1949 - Mubarak absolviert die ägyptische Militärakademie mit Auszeichnung und beginnt eine militärische Laufbahn.

          1969 - Mubarak wird Stabschef der Luftwaffe

          1972 - Oberbefehlshaber der Luftwaffe und stellvertretender Verteidigungsminister Oktober

          1973 - Ägypten und Syrien greifen Israel an. Jom-Kippur- Krieg. Als „Held des Oktoberkriegs“ erhält Mubarak hohe Auszeichungen

          1975 - Mubarak wird Vizepräsident unter Anwar el Sadat

          17.09.1978 - Ägypten und Israel einigen sich in Camp David auf die Rahmenvereinbarungen für ihren Friedensvertrag

          26.03.1979 - Ägypten schließt Frieden mit Israel und isoliert sich damit in der arabischen Welt. Der in Washington unterzeichnete Vertrag verpflichtet Israel zum Abzug von der Sinai-Halbinsel

          06.10.1981 - Islamistische Attentäter ermorden Sadat während einer Militärparade. Mubarak steht als sein Vize neben ihm auf der Tribüne. Eine Woche später wird er offiziell Staatspräsident. Am Friedensvertrag hält Mubarak fest und bemüht sich zugleich um Wiederannäherung an die anderen arabische Staaten.

          1984 - Wiederaufnahme Ägyptens in die „Islamische Konferenz“

          1987 - Mubarak wird als einziger Kandidat mit 97 Prozent der abgegebenen Stimmen für eine zweite sechsjährige Amtszeit als Präsident bestätigt

          1989 - Ägypten wird wieder zum Gipfel der Arabischen Liga eingeladen. Mubarak wird außerdem für ein Jahr zum Vorsitzenden der Organisation für Afrikanische Einheit (OAU) gewählt.

          1991 - Ägypten beteiligt sich mit rund 35 000 Soldaten an der Operation „Desert Storm“ (Wüstensturm) unter Führung der USA an der Befreiung Kuwaits.

          Oktober 1993 - Mubarak wird in einem Referendum für eine dritte Amtszeit bestätigt.

          26.06.1995 - Attentat auf Mubarak während eines Besuchs in Addis Abeba. Der Präsident bleibt in seiner gepanzerten Limousine unversehrt.

          1999 - Mubarak wird mit 93,8 Prozent der Stimmen für eine vierte Amtszeit bestätigt.

          2000 - In Kairo kommen mehr als 30 Staats- und Regierungschefs der EU und der OAU zu einem Gipfeltreffen zusammen.

          07.09.2005 - Bei der ersten Präsidentenwahl mit mehreren Kandidaten bekommt Mubarak nach offiziellen Angaben 88,5 Prozent der Stimmen. Bei der Parlamentswahl im Dezember gewinnen Vertreter der verbotenen Muslimbrüder als unabhängige Kandidaten rund 20 Prozent der Sitze. Gewalttätige Übergriffe der Polizei auf Oppositionelle.

          2010 - Die erste Runde der Parlamentswahlen am 28. November wird von wichtigen Teilen der Opposition, die zweite Runde am 5. Dezember von fast der gesamten Opposition boykottiert. Mubaraks Staatspartei NDP holt 420 von 518 Sitzen, der Rest geht an sogenannte Unabhängige und Kleinstparteien.

          Januar 2011 - Beginn der Massenproteste gegen Mubarak

          29.01.2011 - Mubarak tauscht die Regierung aus und ernennt erstmals einen Vizepräsidenten, den bisherigen Geheimdienstchef Omar Suleiman. Luftfahrtminister Ahmad Schafik wird Ministerpräsident.

          10.02.2011 - Mubarak gibt einen Teil seiner Amtsvollmachten an Suleiman ab.

          11.02.2011 - Vizepräsident Suleiman gibt den Rücktritt Mubaraks bekannt.

          (dpa)

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