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Muammar Gaddafi : „Kämpfe bis zum Ende gegen die Ratten“

  • Aktualisiert am

Gaddafi las in der Fernsehansprache auch Passagen aus seinem „Grünen Buch” Bild: Reuters

Libyens Staatschef Gaddafi hat sich mit einem Auftritt im Staatsfernsehen abermals an die Öffentlichkeit gewandt. Er sagte, er werde sein Land nicht verlassen, sondern als „Märtyrer“ sterben. Bundeskanzlerin Merkel reagiert bestürzt.

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          Der libysche Staatschef Gaddafi hat seinen Gegnern gedroht, er werde bis zum Ende kämpfen. Im Staatsfernsehen sagte der sichtlich aufgebrachte Gaddafi, notfalls werde er „als Märtyrer“ sterben (siehe auch: Video: Gaddafis Fernsehansprache). Gaddafi trat in beduinischer Tracht und mit Sonnenbrille in einem zerstörten Gebäude auf, bei dem es sich offenbar um sein Hauptquartier handelte, das amerikanische Kampfflugzeuge in den achtziger Jahren bombardiert hatten. In der wirren und weitschweifigen Rede stellte er sich als erfolgreichen Reformer und Freiheitskämpfer dar, der dem Imperialismus Amerikas wie seinen Gegnern in der Region entschieden die Stirn geboten habe.

          Gaddafi las aus seinem „Grünen Buch“ vor und drohte jenen mit der Todesstrafe, die sich gegen die libysche Armee wendeten, die Sicherheit des Landes untergrüben oder für eine fremde Macht arbeiteten. „Das ist das Land meiner Vorfahren und eurer Vorfahren“, sagte Gaddafi. Die Regimegegner beschimpfte der Staatschef als „Ratten“, „Kakerlaken“ und „Gangs“ von Rauschgiftsüchtigen. Er forderte die Libyer auf, ihre Kinder von der Straße zu holen, um Leid und Zerstörung zu verhindern. Im Kern wiederholte er die Drohungen und vagen Reformversprechen, die sein Sohn Saif am Sonntag im Fernsehen vorgebracht hatte.

          Am frühen Dienstagmorgen hatte Gaddafi in einem kurzen Fernsehauftritt bekräftigt, er befinde sich entgegen anderslautenden Gerüchten in der Hauptstadt Tripolis. Zuvor war vermutet worden, er habe sich nach Venezuela abgesetzt. Menschenrechtler und Oppositionelle sagten am Dienstag, seit dem Beginn der Proteste gegen das Regime habe es mehr als 300 Tote gegeben. Der zurückgetretene libysche Botschafter in Indien warf der Regierung vor, sie setze Kampfflugzeuge gegen Demonstranten ein. Insgesamt traten bisher ein Dutzend libyscher Spitzendiplomaten zurück.

          Protest gegen Gaddafi vor der libyschen Botschaft in Kairo

          Merkel ist bestürzt

          Bundeskanzlerin Angela Merkel reagierte am Dienstagabend bestürzt auf die Fernsehansprache Gaddafis. Gaddafi habe seinem Volk „den Krieg erklärt“, sagte sie in Berlin. Seine Worte seien „sehr erschreckend“ gewesen. Die Bundesregierung fordere Gaddafi auf, sofort und konsequent die Gewalt zu beenden. Geschehe dies nicht, müsse über Sanktionen gegen das nordafrikanische Land gesprochen werden. Im Auswärtigen Amt heißt es, als erster Schritt würden ein Einreiseverbot für die libysche Führung und das Einfrieren von Auslandskonten erwogen.

          Die Arabische Liga wollte sich am Dienstag in einer Dringlichkeitssitzung mit Libyen befassen. In New York trat der UN-Sicherheitsrat zusammen. Die UN-Hochkommissarin für Menschenrechte, Navi Pillay, verlangte, eine internationale Kommission das brutale Vorgehen der Sicherheitskräfte gegen Regierungsgegner in Libyen untersuchen zu lassen. „Ausgedehnte und systematische Angriffe auf die Zivilbevölkerung könnten als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gewertet werden“, sagte sie.

          Setzt das Regime Kampfhubschrauber ein?

          Bei der Niederschlagung der Proteste in Tripolis kamen nach Angaben von Menschenrechtsgruppen seit Sonntag 62 Personen um. Die Angaben beruhten auf Aussagen von Ärzten zweier Krankenhäuser, teilte die Organisation Human Rights Watch am Dienstag mit. Da die Zahlen jedoch nur auf den Informationen aus zwei Krankenhäusern beruhten, könne die Opferzahl deutlich höher sein.

          Der Sender Al Dschazira zitierte am Dienstag Augenzeugen mit den Worten, das Regime setze Kampfhubschrauber ein, um Regimegegner einzuschüchtern. Ferner hieß es, Kampfflugzeuge hätten Teile der Hauptstadt bombardiert. Die Angriffe hätten vor allem Munitionsdepots gegolten, um diese zu zerstören, bevor sie in die Hand der Regimegegner fielen. Das hatte auch Saif Gaddafi am Dienstag gesagt.

          Nachmittags wurde gemeldet, ein Schiff mit desertierten libyschen Soldaten nähere sich Malta. Einwohner von Tobruk im Osten des Landes berichteten der Nachrichtenagentur Reuters, sie hätten die Kontrolle über ihre Stadt übernommen. Regimegegner kontrollierten die Landesgrenze zu Ägypten, hieß es. Nach Angaben von Oppositionellen befinden sich auch die Städte Misratah und Sirte in der Hand der Regierungsgegner.

          Tausende von Ausländern flohen aus Libyen. Das Auswärtige Amt organisiert die Ausreise von Deutschen. Am Montag und Dienstag landeten zwei Linienflugzeuge in Tripolis, zudem schickte Berlin zwei Militärflugzeuge vom Typ Transall nach Libyen. Auch Frankreich und Italien entsandten Flugzeuge. Nach ägyptischen Angaben ist jedoch der Flughafen in Benghasi nicht mehr nutzbar, weil die Landebahnen in den vergangenen Tagen beschädigt wurden. Großbritannien beorderte ein Kriegsschiff in internationale Gewässer nahe Libyen, damit dieses im Notfall eine Evakuierungsaktion zur See unterstützen kann.

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