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Muammar Gaddafi : Bruder Oberst, Befreiungsideologe, Erzterrorist

  • -Aktualisiert am

Gaddafi im libanesischen Staatsfernsehen Bild: dpa

Muammar Gaddafi ist in 41 Jahren von einem gefeierten Befreier zu einem in der Welt verhassten Diktator geworden. An seiner Macht hält er noch immer fest. Zur Not werde er als Märtyrer sterben, ließ er die Libyer nun wissen.

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          Noch klammert sich Muammar al Gaddafi an die stetig bröckelnde Macht. Er werde zur Not als Märtyrer sterben, ließ er die Libyer am Dienstagnachmittag im Staatsfernsehen wissen. Er giftete gegen die „Ratten“, die sein Land ins Verderben stürzen wollten.

          Schon in der Nacht hatte Gaddafi sich zu Wort gemeldet. Es war ein bizarrer Auftritt des Revolutionsführers, der mit Lederjacke, Ohrenfellmütze und Regenschirm ausgerüstet, im Führerhäuschen eines alten Pritschenwagens saß. Er sei in Tripolis und mitnichten in Venezuela – man solle den Hunden nicht glauben schenken, die in ausländischen Satellitenkanälen Lügen verbreiteten. Ein beiläufiges „Salaam“ nuschelte Gaddafi noch, klappte den Schirm zu, dann war der kurze Auftritt vorbei.

          Nicht einmal eine halbe Minute dauerte er. Schon das ist ungewöhnlich für den libyschen Staatschef, der sein Publikum eigentlich mit stundenlangen Ansprachen erschöpft. Als Gaddafi etwa im September 2009 vor den Vereinten Nationen über Landminen mäanderte, brach sein verzweifelter Simultanübersetzer nach gut anderthalb Stunden zusammen. Damals hieß es, der Revolutionsführer habe sich pennälerhaft mit einem „Wir sind hier“ auf einem Tisch im Plenum der UN-Vollversammlung verewigt. Ein weiteres Mal wird ihm das kaum gelingen – es gilt als ausgemacht, dass das Ende seines Regiments bevorsteht.

          Gaddafi las in der Fernsehansprache auch Passagen aus seinem „Grünen Buch”
          Gaddafi las in der Fernsehansprache auch Passagen aus seinem „Grünen Buch” : Bild: Reuters

          Das dürfte auch das Ende der Vorherrschaft seines Stammes, der Gaddafa, sein. Es ist ein relativ kleiner Stamm in Tripolitanien, doch mit dem Aufstieg und der Machtergreifung Gaddafis wurde er weltbekannt. Vom Revolutionsführer erwartet der Stamm, dass er ihn schütze; das könnte dazu führen, dass Gaddafi das Land – wie angekündigt – wirklich nur in allerhöchster persönlicher Not verlässt, denn die Gaddafa müssen befürchten, dass die übrigen libyschen Stämme nach mehr als vierzig Jahren der Dominanz und Unterdrückung über sie herfallen und Rache nehmen, sollte Gaddafi verschwinden.

          Ein Idol der Massen in Libyen

          Begonnen hatte die politische Karriere des Beduinensohns – nach offizieller Lesart am 19. Juni 1942 in Yuhannam bei Sirt geboren – recht schneidig. Unter Führung des 27 Jahre jungen Offiziers putschten nämlich am 1. September 1969 libysche Armeeangehörige, die sich nach dem Vorbild des ägyptischen Umsturzes von 1952 den Namen Freie Offiziere gegeben hatten. Und der ägyptische Staatschef Gamal Abdel Nasser war Muammar al Gaddafis vergöttertes Vorbild. Damals beherrschte der panarabisch gefärbte Nationalismus die arabische Welt, von Rabat im fernen Westen bis zum Irak im Osten. Hatten die Ägypter ihren König Faruk ins römische Exil geschickt, so vertrieb Oberst Gaddafi den greisen König Idris I. aus der Bruderschaft der Senussi in die Türkei, wo er bald darauf starb.

          Gaddafi trug von 1969 bis 1979 den offiziellen Titel Staatspräsident. In diesen zehn Jahren war er – zusammen mit seinem Kameraden Abdessalam Dschallud – ohne Zweifel uneingeschränkt ein Idol der Massen in Libyen, und auch in der übrigen arabischen Welt hatte er nicht wenige Anhänger. Er krempelte das traditionalistisch geprägte Libyen um, schuf moderne Industrieanlagen, einen Sozialstaat, der mit Hilfe des Erdölgeldes kräftig ausgebaut wurde. Die libyschen Städte expandierten und wurden modernisiert; ebenso das Bildungswesen.

          Gaddafi fuhr auch nach Kairo und holte sich von Nasser, der freilich schon 1970 starb, persönlichen Rat. Der Libyer förderte in den siebziger und frühen achtziger Jahren in der arabischen Welt viele jener Gruppen, die den Panarabismus auf ihre Fahne geschrieben hatten. Dazu gehörten Organisationen, die auch vor Gewaltanwendung nicht zurückschreckten und die Grenze zum Terrorismus überschritten. Unter den etwa 80 Milizen im Libanesischen Bürgerkrieg zwischen 1975 und 1990 hatte auch Gaddafi seine Truppe: Er unterstützte die Nasseristen.

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