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Muammar el Gaddafi : „Wir werden kämpfen und wir werden siegen“

  • Aktualisiert am

In einer Ansprache in Tripolis ruft Gaddafi seine Anhänger zum Kampf auf Bild: REUTERS

In einer Ansprache auf dem Grünen Platz in Tripolis ruft Staatschef Gaddafi seine Anhänger zum bewaffneten Kampf auf. Er behauptet, das Volk „liebe Gaddafi“. Zuvor hatten allerdings Tausende Menschen zumeist friedlich gegen ihn demonstriert.

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          Libyens Staatschef Muammar el Gaddafi hat sich am Freitag abermals öffentlich gezeigt und seine Anhänger zum bewaffneten Kampf aufgerufen. „Wir werden kämpfen und wir werden siegen“, sagte Gaddafi laut im Fernsehen verbreiteten Bildern auf dem Grünen Platz in der Hauptstadt Tripolis. Die Waffenlager im Land würden „geöffnet, um das ganze Volk zu bewaffnen“. Zudem versicherte der seit mehr als 40 Jahren herrschende Machthaber, das Volk „liebt Gaddafi“.

          Nach der Ansprache gab es am Abend abermals Zusammenstöße. Ein Augenzeuge berichtete der Nachrichtenagentur dpa, nach dem Abzug von Gaddafis Wachmannschaft hätten sich Regimegegner dem Grünen Platz genähert. Dort seien dann erstmals Demonstranten beider Lager aufeinander losgegangen. Am Dienstag hatte sich Gaddafi in einer telefonischen Ansprache im Staatsfernsehen an das Volk gewandt, in der er erklärte, „Revolutionsführer“ in Libyen zu bleiben.

          Nach dem Freitagsgebet hatten zuvor Tausende Menschen gegen Gaddafi demonstriert. Ausländische Fernsehsender zeigten Bilder von friedlichen Großdemonstrationen in Benghasi und Derna im Osten des Landes. In der Hauptstadt Tripolis spitzte sich die Lage nach Augenzeugenberichten schon am Nachmittag zu. Sicherheitskräfte schossen nach Angaben von Nachrichtenagenturen auf Regierungsgegner, die in großer Zahl versuchten, ins Stadtzentrum zu gelangen, wo auch Anhänger Gaddafis demonstrierten. Die Nachrichtenagentur Reuters meldete, bis zum Nachmittag seien fünf Demonstranten erschossen worden.

          Libysche Demonstranten in der von Regierungstruppen befreiten Stadt Tobruk

          Libyen ist weiterhin zweigeteilt. Regierungsgegner konsolidieren offenbar ihre Kontrolle über den Osten. Nur in Misrata soll es am Freitag noch bewaffnete Auseinandersetzungen von Gaddafi-Anhängern und Regierungsgegnern gegeben haben. Am Grenzübergang zu Tunesien sagten flüchtende Ausländer dem Sender BBC, dass an der Straße von Tripolis zur Westgrenze Anhänger Gaddafis weiterhin an zahlreichen Kontrollpunkten präsent seien. Ihnen seien Telefone, Kameras und Speicherkarten abgenommen worden; offenbar um Berichte über die wirkliche Lage zu verhindern.

          Unklar blieb die Situation in der westlichen Stadt Zawija, wo es am Donnerstag zu Kämpfen gekommen war. Es war von 20 bis zu 100 Toten die Rede. Bewohner sagten am Freitag dem Sender Al Dschazira „Tausende“, verlangten im Zentrum der Stadt Gaddafis Rücktritt; Explosionen seien zu hören. Aus Suwara haben sich nach Informationen des Senders die staatlichen Sicherheitskräfte komplett zurückgezogen.

          Hat Gaddafi biologische und chemische Waffen?

          Der Sicherheitschef von Benghasi, Nuri al Obeidi, berichtete von einem unterirdischen Gefangenenlager. Die Gefangenen seien in einem früheren Stützpunkt einer von Gaddafis Sohn Khamis befehligten Militäreinheit entdeckt worden. Unter den 90 Befreiten seien auch Deserteure gewesen, die sich geweigert hätten, auf Regimegegner zu schießen. Der zurückgetretene libysche Justizminister Abdel Galil warnte unterdessen während eines Treffens mit Stammesführern davor, dass Gaddafi biologische und chemische Waffen gegen Regierungsgegner einsetzen könnte. Er rief in Al Baida die internationale Gemeinschaft dazu auf, alles zu tun, um das zu verhindern.

          Gaddafi hatte zwar 2003 zugestimmt, auf atomare, biologische und chemische Waffen zu verzichten. Ausländische Inspekteure fanden danach Chemiewaffen und Material zur Herstellung biologischer Waffen. 2004 gab es nach Angaben des Den Haager Büros für das Chemiewaffenverbot (OPCW) mehrere hunderttausend Tonnen von Stoffen, die zur Produktion von Chemiewaffen dienten, darunter Senfgas und Sarin. Unter OPCW-Aufsicht wurden zwar mehrere tausend Bomben vernichtet, die mit Chemikalien gefüllt werden sollten. Doch besaß Libyen Ende 2010 nach Informationen des OPCW noch mehr als 20 Tonnen Senfgas.

          Imam droht mit dem Zorn Gottes

          Im Staatsfernsehen drohte am Freitag ein Imam den Gegnern Gaddafis mit dem Zorn Gottes. In den Städten des Ostens bezeichneten andere Prediger dagegen die Proteste als legitimen Kampf gegen einen Tyrannen. Um den Unmut in der Bevölkerung zu dämpfen, kündigte die Regierung an, die Löhne und Gehälter der Beamten um bis zu 150 Prozent zu erhöhen. Jede Familie solle zudem umgerechnet 400 Dollar erhalten, hieß es im Staatsfernsehen.

          Gaddafis Sohn Saif al Islam versprach politische Änderungen. Für die Forderungen der Demonstranten gebe es Lösungen, sagte er einem Reporter des Nachrichtensenders CNN Türk, dem die Einreise nach Tripolis erlaubt worden war. Einwohner in Tripolis berichteten, das Benzin sei rationiert worden. Das UN-Welternährungsprogramm befürchtet Schwierigkeiten bei der Lebensmittelversorgung. Es kämen nicht genug Nahrungsmittel ins Land, sagte ein Sprecher.

          Unterdessen verlor Gaddafi in den eigenen Reihen weiter an Unterstützern. Die libyschen Botschafter in Frankreich und bei der Unesco traten aus Protest gegen die „Repression“ zurück. Sie schlössen sich der „Revolution des Volkes“ an, teilten Salah Saren und Abdul Salam al Galali mit. Auch Gaddafis Cousin Ahmed Gadhaf al Dam sagte sich vom Revolutionsführer los. Er galt als einer der wichtigsten Vertrauten des Staatschefs.

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