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Mohammed VI : Marokkos königlicher Unternehmer

  • -Aktualisiert am

Mohammed VI. Bild: AFP

Marokkos König Mohammed VI. wird im Volkmund kurz „M6“ genannt. Er selbst ließ sich als „König der Armen“ bezeichnen, zählt aber zu den Reichsten der Welt. In Marokko gehören ihm fünf Paläste. Und in Frankreich hat er auch noch einen. Das Gros seines Vermögens aber sind finanzielle Beteiligungen.

          Spaniens König Juan Carlos ist im Vergleich zu seinem marokkanischen Nachbarn Mohammed VI. ein armer Schlucker. Als die Zeitschrift „Forbes“ den 47 Jahre alten Alawiten-Herrscher zuletzt auf seine Liste setzte, wurde sein privates Vermögen mit knapp 2 Milliarden Euro angegeben. Juan Carlos ist zwar vor einigen Jahren mit fast dem gleichen Betrag auch auf die Liste gerutscht. In seinem Fall handelte es sich aber um ein Versehen, weil der Wert all der königlichen Schlösser mitgezählt wurde, die in Spanien dem Staat gehören. In Marokko ist das anders. Dort gehören die fünf Paläste in Rabat, Casablanca, Fes, Meknes und Marrakesch „M6“, wie er im Volksmund genannt wird, allein. Und auch in Frankreich hat er noch einen, von seinem Vater Hassan II. geerbten Palast nahe Paris, wo er um den Jahreswechsel, als Nordafrika von Tunesien bis Ägypten schon politisch in Brand geraten war, geruhsame Ferientage verbrachte.

          Im globalen Vergleich der Monarchen wird der „König der Armen“, wie er sich gern nennen ließ, als der achtreichste seiner Zunft geführt. Auch die jährliche staatliche Apanage ist mit umgerechnet 250 Millionen Euro stattlich. Da können weder die Königin von England noch Juan Carlos mithalten, die nur den siebzehnten beziehungsweise achtundzwanzigsten Teil davon bekommen. Doch sind das alles Peanuts, wenn man in Rechnung stellt, dass Mohammed VI. als Unternehmer 6 Prozent des marokkanischen Bruttoinlandsprodukts auf die Waage bringt. Der König, der im ersten Jahrzehnt seiner Herrschaft Marokko auf allen wichtigen Sektoren – Industrie, Landwirtschaft, Infrastruktur, erneuerbare Energien, Rohstoffgewinnung – vorangebracht und Wachstumsraten von bis zu 5 Prozent vorzuweisen hat, profitiert zwar nicht allein von seiner „strategischen Vision“ für das Land. Aber er zählt zu den Investoren, denen die Finanzkrise bisher am wenigsten geschadet hat.

          Denn er ist fast überall beteiligt, an Immobilien genauso wie an den Phosphatvorkommen in der Westsahara. Mounir Majidi, sein alter Freund und Vermögensverwalter, hat als unsichtbarer „Wirtschaftsminister“ mehr Macht als jeder andere Marokkaner. Und er weiß sie zum Nutzen seines Arbeitgebers einzusetzen: bei Banken und Versicherungen, in der Telekommunikations-, Bau- und Autobranche. Die beiden wichtigsten königlichen „Geschäftspartner“ ONA (Omnium Nord Africain) und SNI (Societé Nationale d’Investissements) sind omnipräsent. Dort heißt der König auf gut Französisch auch schlicht der „patron“. Es sind also nicht die Paläste, Rennställe, Golfplätze, Gemälde- und Sportwagensammlungen, die das Gros des Vermögens von „M 6“ ausmachen, sondern seine finanzielle Beteiligung an allem, was in Marokko wächst.

          Der regimekritische Schriftsteller Abdellatif Laabi bemängelt folgerichtig, dass „dieses Land wie ein multinationaler Konzern geführt wird, dessen Ziel es ist, seine Hauptaktionäre reicher zu machen“. Mulay Hicham, ein nicht minder kritischer und bei Hofe daher höchst unbeliebter Vetter des Königs, hat den „Abgrund zwischen den sozialen Klassen“ beklagt, der die „Legitimität des politischen und ökonomischen Systems“ unterhöhle. Und der Scheich Abdesalam Yassine, der die verbotene Bewegung „Gerechtigkeit und Barmherzigkeit“ führt, hat Mohammed VI. vergeblich aufgefordert, die ausländischen Besitztümer seines Vaters zu verkaufen und den Erlös unter den Armen zu verteilen.

          Diese Kritik wird nun im Licht der Revolten gesehen, die schon die Präsidenten von Tunesien und Ägypten gestürzt haben. In Marokko ist ersten Demonstrationen zum Trotz mit derlei nicht zu rechnen. Das Land ist stabil, der König beliebt. Doch auch Marokko trägt die Probleme der Nachbarschaft in sich. Mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 3000 Dollar liegt es nur knapp vor Ägyptern und weit hinter Tunesien (4100), Algerien (4500) und Libyen (12 000). Die Arbeitslosenquote von rund 10 Prozent ist etwas geringer als in Tunesien und Algerien mit jeweils 14 Prozent. Das Hauptproblem des 35 Millionen Einwohner zählenden Landes ist die massive Jugendarbeitslosigkeit, von der gut ein Drittel der Fünfzehn- bis Neunundzwanzigjährigen betroffen ist.

          Um den Armen zu helfen, hat der König die Subventionen für Grundnahrungsmittel und Kochgas verdoppelt. Er hat einen neuen Wirtschafts- und Sozialrat gegründet, der einen reformierten „Gesellschaftsvertrag“ ausarbeiten und das „marokkanische Modell“ stärken soll. Auch ließ er sich von einer Delegation der Weltbank für seine Fortschritte mit privaten und öffentlichen Wirtschaftspartnerschaften beglückwünschen. Doch der „Beherrscher der Gläubigen“, der auch in religiösen Angelegenheiten das entscheidende Wort spricht, wird mehr tun müssen. Die „institutionelle Korruption“ reiche in Marokko bis in den Palast, heißt es in einem von Wikileaks veröffentlichten Bericht eines amerikanischen Diplomaten in Casablanca. Damit der scharfe Wind aus dem östlichen Maghreb nicht bald auch einem der besten Freunde des Westens ins Gesicht bläst, ist Transparenz gefragt. LEO WIELAND

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