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Mohamed El Baradei : Die graue Eminenz der ägyptischen Revolution

Mohamed El Baradei Bild: AP

Mohamed El Baradei hat in Ägypten nie politische Verantwortung übernommen - und ist dennoch seit Jahren der Hoffnungsträger eines ganzen Landes. Trotzdem steht er nun wieder vor dem Scheitern.

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          Seit Jahren ist Mohamed El Baradei der Hoffnungsträger für Ägypten - obwohl er nie politische Verantwortung übernommen hat. Über das Wochenende war er als neuer Ministerpräsident einer Übergangsregierung im Gespräch. Doch kaum war seine Nominierung bekanntgegeben, wurde sie wieder dementiert. So zerschlug sich auch diese Hoffnung. Dabei steht El Baradei dem Verteidigungsminister Abd al Fattah al Sisi nahe, dem als Oberkommandierenden der ägyptischen Streitkräfte bei der Absetzung des Staatspräsidenten Muhammad Mursi eine besondere Rolle zukam.

          Rainer Hermann

          Redakteur in der Politik.

          Kurz vor dem Militärputsch am Mittwoch hatte El Baradei noch mit Sisi konferiert. Als dieser Mursis Absetzung verkündete, saß El Baradei neben anderen Zivilisten hinter Sisi. In der vergangenen Woche hatte El Baradei in einem Interview mit der amerikanischen Fernsehsender CNN jedoch auch gesagt, er hoffe, „graue Eminenz“ zu bleiben. Als eine solche sei er am wirkungsvollsten.

          Keine Beziehung mehr zu Ägypten?

          El Baradei hat seinen Anhängern immer wieder Schwung verliehen, mit seinem Zaudern hat er sie aber auch immer wieder enttäuscht. Mut hat er demonstriert, als er - der 2005 als Generaldirektor der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA den Friedensnobelpreis erhalten hatte - nach dem Erreichen der Altersgrenze Anfang 2010 in sein Heimatland Ägypten zurückgekehrt war. Er stellte sich im Sommer 2010 in Alexandria, wo die Polizei den Blogger Khaled Said in aller Öffentlichkeit zu Tode geprügelt hatte, an die Spitze von Demonstrationen. Sie waren damals die größten in der jüngeren Geschichte Ägyptens. Hätte El Baradei nicht die Demonstranten in Alexandria angeführt, die Polizei hätte sie mutmaßlich nicht weit kommen lassen.

          Vielen Ägyptern imponierte auch, dass er den Langzeitpräsidenten Husni Mubarak herausforderte und für die Wahl, die 2011 stattfinden sollte, seine Kandidatur für das Amt des Staatspräsidenten unter der Bedingung ankündigte, dass die Wahl fair ablaufe. Vielen Ägyptern gefiel, dass ein Zivilist dem Regime die Stirn bot - seit 1952 stellte das Militär alle Staatspräsidenten. Zudem haftete El Baradei nicht, wie vielen anderen Politikern Ägyptens, das Stigma des Korruptionsverdachts an.

          Ohne Erfolg versuchte das Regime, den am 17. Juni 1942 in Kairo geborenen El Baradei als „ausländischen Agenten“ zu diskreditieren, der zu Ägypten keine Beziehung mehr habe. Das machte El Baradei nur noch populärer. Als junge Aktivisten am 25. Januar 2011 ihre Revolution begannen, stellte ihn das Regime unter Hausarrest. Da die öffentliche Ordnung bald zusammenbrach, kümmerte sich die Polizei nicht mehr um den Oppositionellen, und El Baradei tauchte auf dem Tahrir-Platz auf.

          Bei der Revolution spielte die „graue Eminenz“ kaum eine Rolle. Er fürchtete sich vor den Menschenmassen auf dem Tahrir-Platz und zog sich rasch in sein Haus nahe der Pyramiden zurück. Dort gab er Fernsehsendern Interviews und twitterte an seine Anhänger. Ein Volkstribun, der sich mit Ansprachen an die Massen wendet, wurde er nicht. Im März 2011 gab er bekannt, er werde bei den nächsten Präsidentenwahlen kandidieren. In den kommenden Monaten verbrachte er aber die meiste Zeit in seinem Haus an der Côte d’Azur, um ein Buch zu schreiben.

          Mursi sei auf ganzer Linie gescheitert

          Im Januar 2012, als sich abzeichnete, dass im Juni die Wahl stattfinden würde, zog El Baradei seine Kandidatur zurück. Er sagte, die Wahl sei ohne eine Verfassung, welche die Kompetenzen des Präsidenten definiere, eine Farce, und dem Militär werde es ohnehin nicht gelingen, eine demokratische Ordnung zu installieren. Auch seinen Anhängern blieb nicht verborgen, dass der in der Welt geschätzte Intellektuelle bei der Mehrheit der Ägypter keine Chance haben werde. El Baradei wirkte daher wieder im Hintergrund, als Koordinator der „Nationalen Rettungsfront“, eines Bündnis liberaler und linker Parteien, und er gründete im April 2012 seine eigene „Verfassungspartei“ (Hizb al Dustur).

          Im vergangenen Monat unterstützte El Baradei die von der Aktivistenbewegung Tamarrod angestoßenen Massenkundgebungen gegen Präsident Mursi. Er sagte, Mursi sei auf der ganzen Linie gescheitert, und er habe das Land in eine Sackgasse geführt. Mursi habe seinen Verstand verloren, daher müsse das Militär eingreifen, sagte El Baradei Stunden vor dem Putsch. Nach dem Putsch pries er die „Roadmap“ des Militärs zur Lösung der Krise als „Fortsetzung der Revolution von 2011“.

          Alsdann galt El Baradei zunächst bei der Nominierung eines Ministerpräsidenten als erste Wahl. Die Salafisten der Nur-Party aber, die Mursis Absetzung begrüßt hatten, lehnten El Baradei ab. Am Sonntag schien es, als suche die Armee einen erfahrenen Ökonomen. Chancen werden dem gegenwärtigen Gouverneur der Zentralbank, Hisham Ramez, und dessen Vorgänger Faruk Oqda zugestanden. El Baradei bleibt damit voraussichtlich weiter eine „graue Eminenz“ ohne politisches Amt.

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