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Militärbasis in der Negev-Wüste : Ben Gurions Traum von 1000046

Spiel mir das Lied vom Aufschwung: Eine Schienentrasse neben der Beduinensiedlung Al Zamoog in der Negev-Wüste Bild: Getty Images

Mitten in der Negev-Wüste baut die israelische Regierung eine große Militärbasis. Die Soldaten sollen nichts weniger sein als eine Vorhut für die Besiedlung des Südens.

          Die Kamele am Straßenrand blicken nicht mehr auf. Sie haben sich an die Karawane der schweren Baufahrzeuge gewöhnt, die an ihnen vorbeifährt. Auf dem Schild an der Kreuzung, an dem die Lastwagen abbiegen, steht kein Ortsname, sondern nur kryptisch „1000046“. In gut eineinhalb Jahren sollen dort mehr als 10.000 Soldaten wohnen, wo sich heute hinter grauen Betonmauern ein Dutzend Kräne drehen. Auf 250 Hektar bauen 1500 Arbeiter den größten Militärstützpunkt des Landes. Wenn er fertig ist, wird er den Namen des verstorbenen Regierungschefs Ariel Scharon tragen. „Das ist die größte Baustelle in ganz Israel“, sagt Pini Lieberman, der Vorstandsvorsitzende der Baufirma Mabat Langegev. Umgerechnet fast eine halbe Milliarde Euro lässt sich das israelische Verteidigungsministerium das Mammutprojekt kosten.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Die israelische Armee schickt ihre Soldaten schon seit vielen Jahren zur Ausbildung in die Wüste. Künftig sollen immer mehr von ihnen dort bleiben. „Wir erfüllen die Vision von David Ben Gurion mit neuem Leben“, sagt Oberstleutnant Schalom Alfassi, der seit sieben Jahren für die Armee den Bau des neuen Ausbildungsstützpunkts knapp 20 Kilometer südlich von Beerscheva betreut. Der erste israelische Ministerpräsident liegt ganz in der Nähe im Kibbuz Sde Boker begraben. Dorthin zog er sich in seinen letzten Lebensjahren zurück, um selbst dabei mitzuwirken, die Wüste zum Blühen zu bringen. Als Zionist war Ben Gurion davon überzeugt, dass die Zukunft Israels im Negev liegt. Die unwirtliche Sand- und Geröllwüste im Süden macht rund 60 Prozent des ganzen Staatsgebiets aus. Ben Gurions Appelle fanden jedoch bisher wenig Gehör: Nur knapp acht Prozent der Israelis leben dort; gut eine halbe Million jüdische Israelis und knapp 200.000 arabische Beduinen.

          Bezahlbarer Wohnraum fehlt

          Jetzt sollen die Soldaten dabei helfen, dass die alte zionistische Idee endlich Wirklichkeit wird. In den Großstädten an der Küste ist der Platz knapp und teuer geworden. „Durch den Umzug werden im Landesinnern große Grundstücke frei, die dringend für den Wohnungsbau benötigt werden“, sagt Oberstleutnant Alfassi. Hunderttausende Israelis gingen während der Sozialproteste im Sommer 2011 auf die Straße, weil in den Ballungsräumen bezahlbarer Wohnraum fehlt. Fachleute haben ausgerechnet, dass auf den freiwerdenden Militärflächen Platz für 80.000 neue Wohnungen ist. Zugleich könnte die Regierung mehr als sechs Milliarden Dollar einnehmen, wenn sie Grundstücke verkauft, die dem Staat gehören.

          Insgesamt sieben Schulen für ihre Logistikeinheiten will das Verteidigungsministerium aus der Gegend von Tel Aviv in Armeestützpunkte in der Wüste verlegen. Dort ist an alles gedacht. Es gibt drei Synagogen, ein eigenes Kraftwerk und einen schattigen Park, in dem die Soldaten mit ihren Angehörigen picknicken können. Die Bündelung der Aktivitäten spart Kosten. Gleichzeitig soll es dem wirtschaftlich weniger entwickelten und von Arbeitslosigkeit geplagten Süden neuen Schub verleihen: 700 Stellen für zivile Angestellte sind vorgesehen, 300 Militärangehörige werden sich mit ihren Familien in den benachbarten Orten niederlassen. Das ist noch nicht alles. Mitarbeiter des Militärgeheimdienstes, eine Nachschubeinheit der Luftwaffe sowie Soldaten, welche die Armee für neue „Cyberkriege“ rüsten, erhalten ebenfalls den Befehl für den Umzug.

          Unter Polizeischutz: Abriss der Beduinensiedlung Al Akarib im Jahr 2010

          Die Militärs sind nur die Vorhut. Die Regierung plant, innerhalb eines Jahrzehnts 300.000 Zivilisten in der Wüste anzusiedeln. „Das Problem ist, dass die meisten Menschen mit dem Negev nur karge Landschaften und Einsamkeit in Verbindung bringen und nicht mit den Chancen, die sich besonders jungen Familien bieten“, gibt man im Ministerium für die Entwicklung des Negev und Galiläas zu. Werbeagenturen arbeiten deshalb an einer neuen Reputation. Insgesamt 50 Milliarden Schekel (umgerechnet knapp zehn Milliarden Euro) gibt die Regierung dafür aus, um den Süden für neue Bürger attraktiv zu machen; knapp die Hälfte für militärische Infrastruktur.

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