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„Marsch der Million“ : Mubaraks Tage sind gezählt

  • -Aktualisiert am

Mehr Facetten als man denkt: In Ägypten demonstrieren auch Frauen. Mit und ohne Kopftuch. Bild: AFP

Ganz gleich, ob Mubarak schon jetzt geht oder erst zu den nächsten Wahlen: Lange wird er nicht mehr im Amt bleiben, und auch seine Epigonen sind zu alt, um noch lange zu regieren.

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          Die Tage Husni Mubaraks scheinen in jedem Fall gezählt, gleichgültig, wie lange er sich den Rücktrittsforderungen der Demonstranten noch verweigert. Es ist kaum vorstellbar, dass er im Herbst sich noch einmal zur Wahl stellen wird. Die Regierungsumbildung vom Wochenende soll offenbar seinen Abgang geordnet begleiten und gleichzeitig einen radikalen Systemwechsel verhindern. Alle neuen Regierungsmitglieder sind alte Kämpen des Regimes, allen voran der frisch ernannte Vizepräsident Omar Suleiman.

          Doch auch diesen Leuten wird die Zukunft nicht gehören, schon ihres Alters wegen. Der Jüngste, der aus dem Militär kommende neue Regierungschef Ahmad Shafiq, ist siebzig Jahre alt. Alle haben ihre Karriere entweder in der Armee oder im Sicherheitsdienst gemacht. Das ist nicht das, was sich die protestierende Bevölkerung unter einem Wechsel vorstellt.

          Mubaraks Interesse an schlichten Bildern

          Wie in Tunesien, so hat sich auch in den vergangenen Tagen in Ägypten gezeigt, dass die politisch bewussten Teile der Bevölkerung differenzierter denken, als das manchmal von außen den Anschein hat(te). Sollte es demnächst tatsächlich mehr Pluralismus geben, dann wird auch deutlich werden, wie wenig monolithisch die politische Landschaft ist. Das Regime oder die Muslimbrüder – diese Alternative prägte lange Zeit den Eindruck, der außerhalb Ägyptens vorherrschte. Mubarak und die anderen Träger des Regimes hatten ein Interesse daran, dass dieser Eindruck erhalten blieb, sicherte dies doch die uneingeschränkte Hilfe der Amerikaner und die ungestörte Zusammenarbeit mit den Europäern.

          Freilich kommt es auch nicht von ungefähr, dass Ägypten eine Keimzelle islamistischer Strömungen geworden ist, die sich bis in die radikalsten Formen des Terrorismus hinein verzweigt haben. Usama Bin Ladins rechte Hand Ayman al Zawahiri ist Ägypter, Muhammad Atta, einer der Todespiloten des „11. September“, war es. Und es bleibt auch richtig, dass es Islamisten waren, die mehrere Male versuchten, Mubarak zu ermorden – seinen Vorgänger und Ziehvater Sadat haben sie 1981 ermordet.

          Der Islam - ein machtvoller Faktor

          Der vom Regime betriebenen Dämonisierung sollte nun nicht die Verharmlosung islamistischer Kreise folgen. Selbst wenn die Zivilgesellschaft fortgeschrittener sein mag, als vermutet, wird doch der Islam, der in den vergangenen Jahrzehnten wieder stärker geworden ist, ein machtvoller Faktor bleiben. Dies ist der Hintergrund für die Kontakte, die der zurückgekehrte, vielen Ägyptern freilich noch unbekannte Friedensnobelpreisträger Mohammed El Baradei zu den Muslimbrüdern aufgenommen hat. Ihn treibt offensichtlich der Gedanke, die Muslimbrüder „hoffähiger“ zu machen und gleichzeitig weiter zu mäßigen. Die Frage ist allerdings, ob er dazu die Statur hat oder am Ende nicht doch überrollt würde. Islamistische Kräfte haben sich manchmal als die geschickteren, weniger skrupulösen Akteure erwiesen.

          Seit einiger Zeit schon wird in der arabischen Welt das Experiment der Türkei mit Interesse beobachtet. Dort unternimmt die Regierungspartei AKP, gegründet und geführt von früheren Islamisten wie Erdogan und Gül, den Versuch, demokratische Regeln und den Islam zu verbinden. Auf die Araber, die entweder Militärdiktaturen und Monarchien oder eben – als deren Antipoden – radikale Fundamentalisten kennen, übt dieses Experiment eine gewisse Faszination aus. Besorgnis muss allerdings wecken, dass eben diese AKP – nicht ohne Mitschuld Jerusalems – mit Israel gebrochen hat, mit dem die Türkei einmal normale, ja freundliche Beziehungen hatte.

          Der Nahe Osten steht vor unabsehbaren Veränderungen

          Der neue, von Mubarak ernannte Kairoer Regierungschef soll nun „Reformen“ einleiten. Wie die aussehen sollen, weiß bisher allerdings niemand; und die Demonstranten misstrauen den Versprechungen. Der Druck der Straße ist nicht besänftigt. Zwar hält das Militär den Schlüssel für die weitere Entwicklung in der Hand, doch hinter der Armeeführung stehen die Vereinigten Staaten. Von den zwei Milliarden Dollar Hilfe, die Ägypten in jedem Jahr aus Washington erhält, gehen 1,3 Milliarden an das Militär. Amerika steht nun vor dem Problem, wenigstens akzeptable Veränderungen herbeiführen zu helfen, ohne das strategisch so wichtige Ägypten preiszugeben. Es ist eine Frage, welche die gesamte Nachbarschaft Ägyptens berührt – von der Ausstrahlung der revolutionären Umtriebe nach Jordanien, Marokko und in den Jemen hinein einmal ganz zu schweigen. Ein pluralistischeres Ägypten nach Mubarak dürfte in jedem Fall weniger geneigt sein, Israels Politik mehr oder weniger hinzunehmen, wie das der „Rais“ jahrzehntelang getan hat. Die meisten der Demonstranten sind sicher vor allem an sozialen Verbesserungen interessiert, auch an mehr politischer Mitsprache; auch ist ihnen die herrschende Familie ähnlich verhasst, wie das die Familie Ben Alis den Tunesiern zuletzt gewesen ist. Doch die Sympathien mit den Palästinensern, auch mit der in Gaza herrschenden Hamas, werden gewiss stärker hervorgehoben werden. Falls die Vereinigten Staaten, um die letzten, manipulierten Wahlen vergessen zu machen, in absehbarer Zeit auf faire Wahlen dringen sollten, wird dies vermutlich in erster Linie Kräften zugute kommen, die Israel gegenüber kritischer eingestellt sind. Der Nahe Osten steht wohl vor Veränderungen, deren Folgen man kaum absehen kann.

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