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Machtstrukturen in Libyen : Zerrissene Stammesbande

Einwohner in Benghazi/Libyen schwenken eine Nationalflagge aus der Zeit vor Gaddafi Bild: dapd

Auf den ersten Blick gleicht Libyen seinen nordafrikanischen Nachbarländern Tunesien, Ägypten und Algerien. Doch in Gaddafis Wüstenstaat haben sich viel stärker als in den Nachbarländern traditionelle Strukturen erhalten – und sie spielen in Krisenzeiten eine noch größere Rolle.

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          Am Ende werden es vielleicht weniger die unerschrockenen Demonstranten sein, die dem Regime den Todesstoß versetzen, als vielmehr die Stämme des Landes, die sich von Revolutionsführer Gaddafi lossagen. Denn Libyen gleicht nur auf den ersten Blick seinen nordafrikanischen Nachbarländern Tunesien, Ägypten und Algerien. In Gaddafis Wüstenstaat haben sich viel stärker als in den Nachbarländern traditionelle Strukturen erhalten – und sie spielen in Krisenzeiten eine noch größere Rolle: Da Libyens Führung weder Opposition noch unabhängige Parteien zugelassen hat, bietet die Zugehörigkeit zu Stamm und Clan vielen einen wichtigen Orientierungspunkt.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Gaddafi ist zwar 1969 als Modernisierer angetreten, aber je heftiger im Lauf der Zeit die Grabenkämpfe unter den Revolutionären von damals wurden, desto bedeutsamer wurden wieder die alten Familien- und Stammesbande. Besonders in den vergangenen Jahren fiel auf, dass Gaddafi wichtige Positionen mit Angehörigen seines Clans und seines eigenen Stammes besetzte. Dabei ist seine traditionelle Machtbasis eher klein. Seinem eigenen Stamm – Gaddafa – gehören vergleichsweise wenige Libyer an. Größere Stämme verdrängten seine Vorfahren aus der Gegend südlich von Tripolis in die Wüste bei Sirte.

          Um in dieser Umgebung zu bestehen, brauchten die Gaddafa schon früher Verbündete, und auch Gaddafi musste Allianzen mit größeren Stämmen eingehen: Er verteilte Posten im Staats- und Sicherheitsapparat an sie. Dann spielte er die Stämme gegeneinander aus. Auf ähnliche Weise hatte auch Saddam Hussein im Irak die Stammeskarte gespielt.

          Von Rivalitäten geprägt

          In Libyen scheinen diese Bündnisse jedoch nicht wirklich belastbar zu sein: Die Stämme der Warfalla, der Hasawna und der Zuwayya kündigten Gaddafi schon ihre Gefolgschaft auf; Zweifel gibt es auch an der Loyalität der Tuareg. Der Warfalla-Stamm ist mit angeblich etwa einer Million Angehörigen einer der größten in Libyen; zahlreiche seiner Mitglieder gehören den Sicherheitskräften an.

          Gaddafis Beziehungen zum Warfalla-Stamm sind von Rivalitäten geprägt, die in die neunziger Jahre zurückreichen: 1993 verhinderten die libyschen Sicherheitskräfte einen Umsturzversuch von Offizieren, unter ihnen zahlreiche Mitglieder der Warfalla, die angeblich unzufrieden waren, weil sie nur unwichtige Armeeposten erhielten und in der Luftwaffe im Vergleich zu Gaddafis Stamm unberücksichtigt blieben. Viele Stammesangehörige wurden danach festgenommen, gefoltert und hingerichtet.

          Die Warfalla sollen wiederum dem Stamm der Magariha (oder Magarha) nahestehen, der sich schon in der Vergangenheit immer wieder mit Gaddafis Stamm überworfen hatte. Das zeigt auch das Beispiel der langjährigen „Nummer zwei“ des libyschen Regimes, Abdelsalam Dschallud: Der Kommandeur und zeitweilige Regierungschef, der den Magariha angehören soll, war zusammen mit Gaddafi an der Revolution beteiligt. Seit Mitte der neunziger Jahre ist er jedoch von der politischen Bühne verschwunden; laut Gerüchten steht er unter Hausarrest.

          Dschallud hatte zuletzt Gaddafis Politik kritisiert und ihn vergebens gewarnt, das Magariha-Mitglied Abdul Baset Ali al Megrahi an den Westen auszuliefern. Die Warfalla sollen zudem gute Kontakte zum Stamm der Al Zintan unterhalten. Die Bewohner der gleichnamigen Stadt südlich von Tripolis gehörten zu den Ersten, die gegen Gaddafis Regime revoltierten. Bei Gaddafi könnte das jetzt beunruhigende Erinnerungen wecken: Angehörige der Magariha und der Al Zintan sollen auch an dem Putschversuch im Jahr 1993 dabei gewesen sein.

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