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Machtkampf in Syrien : Sieg oder Niederlage

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Beschmiert in Aleppo: Ein Wandbild von Bashar al Assad (links), Bruder Bassel (rechts) und Hafez, dem Vater und vormaligen Präsidenten Bild: AFP

Der syrische Konflikt ist längst zu einem Religionskrieg geworden. Daran tragen die Interessenskonflikte regionaler Mächte ihren Anteil. Die Weltgemeinschaft ist machtlos.

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          Nicht dass Kofi Annan seine Syrienmission aufgegeben hat, ist erstaunlich, sondern dass er so lange durchhielt. Von Anfang an stand der ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen und Friedensnobelpreisträger auf verlorenem Posten. Dies lag nicht allein an einem in diesem Konflikt völlig gespaltenen UN-Sicherheitsrat (Russland und China einerseits, die westlichen Mächte andererseits), sondern an der Konstellation dieser Krise, die längst zu einem Bürgerkrieg eskaliert ist, in dem keine der beiden Seiten nachgeben will.

          Der aktuelle UN-Generalsekretär Ban Ki-moon sucht nun, wie es heißt, nach einem neuen Vermittler, der sich um eine Regelung jenseits der Gewalt bemühen soll. Dies ist aller Ehren wert und sogar die Pflicht eines Mannes, der diesen Posten innehat; doch warum einem neuen Mediator gelingen soll, woran der (welt)erfahrene Annan scheiterte, ist unklar. Selbst dass die UN-Vollversammlung nun Syrien verurteilt hat, vermag keinen großen Optimismus zu wecken. Der Sicherheitsrat, dessen Instrumente wirkungsvoller wären, bleibt in der Frage so zerrissen wie eh und je.

          Längst ist der Bürgerkrieg zu einem Religionskrieg entartet

          Nicht nur auf Seiten der syrischen Opposition, des Nationalrats und der Aufständischen, die von der Freien Syrischen Armee geführt werden, gibt es kein großes Interesse an einer Lösung, die nicht mit den Waffen ausgefochten wird. Auch jene arabischen Staaten, die – wie Saudi-Arabien oder Qatar – die Aufständischen massiv unterstützen, wollen einen militärischen Sieg der Rebellen, sprich: den Sturz Assads. Und auch Baschar al Assad hat klar bekundet, dass er den Fehdehandschuh seiner Feinde aufgenommen habe und sich mit aller Macht gegen sie behaupten wolle. Der Tod naher Familienangehöriger, wie unlängst seines Schwagers Assef Schaukat, sowie die Absetzbewegungen einiger wichtiger Militärs und Diplomaten haben eher dazu beigetragen, dass sich Assad und die Seinen sozusagen seelisch „verbunkern“.

          Schon im vergangenen Sommer konnte man von Seiten der Aufständischen hören, unter einem Sturz Assads und dem Ende des Regimes mache man es nicht. Zu oft hat der Herrscher in Damaskus die Erwartungen jener enttäuscht, die einmal auf ihn gehofft hatten; zu oft brach er sein Wort. Alle Kongresse und Abreden hätten nichts gebracht, hieß es aus den Reihen der Opposition.

          Längst ist der syrische Bürgerkrieg zudem zu einem Religionskrieg entartet. Aus anfänglichen Demonstrationen für Arbeitsplätze, soziale Sicherheit und demokratische Rechte wurde ein Volksaufstand, in dem die konfessionelle Zugehörigkeit immer wichtiger wurde. Sieht man einmal von den Christen ab, die mehrheitlich noch immer abseits stehen oder gar zu Assad halten, kämpfen nun die Sunniten gegen die von ihnen schon immer als häretisch angesehene Gemeinschaft der Alawiten, welcher die Assads zugehören. Ideologischer Träger des Aufstandes ist das sunnitische Kleinbürgertum; das sunnitische Establishment hingegen hatte sich mit den beiden Assads, Vater und Sohn, arrangiert.

          Eine alte Regel lautet: Wer Aleppo und Damaskus kontrolliert, beherrscht Syrien

          Einen Sonderfall bilden die im Norden Syriens lebenden Kurden; sie sind im Begriff, den Bürgerkrieg für irredentistische Bestrebungen auszunutzen. Dies missfällt dem Nachbarn Türkei, der mit seiner eigenen Kurden-Problematik wieder genug zu tun hat. Doch die Konfessionalisierung des Konflikts ist nicht allein durch die syrischen Religions-Verhältnisse gefördert worden. Der seit Jahren immer schärfer werdende Gegensatz zwischen der von Saudi-Arabien geführten sunnitischen Welt und den Schiiten, für die Iran zu sprechen vorgibt, hat den syrischen Konfessionalismus verschärft. Damit strahlt der Konflikt auf die gesamte Region aus. Unmittelbar betroffen sind der Libanon, Jordanien, der Irak und die Türkei, doch auch für Israel – das wie hypnotisiert auf den iranischen Atom-Verbündeten Assads starrt – ist der Ausgang dieses Konfliktes von essentieller Wichtigkeit. Dies ist einer der Unterschiede zu den blutigen Ereignissen in Libyen, die - verglichen mit dem syrischen Bürgerkrieg - nur von örtlicher Bedeutung waren. Keine diplomatische Brücke führt gegenwärtig von Washington nach Moskau. Russland möchte seinen einzigen, ihm noch verbliebenen traditionellen Verbündeten im Nahen Osten unter allen Umständen behalten, während die Vereinigten Staaten vom angestrebten Sturz Assads eine erhebliche Schwächung Irans erwarten, was ihren beiden Hauptverbündeten, Riad und Jerusalem, zugute käme. Deshalb sollen die Rebellen – auf welche Weise auch immer – von Amerika nun mehr Unterstützung erhalten, wohl auch im Hinblick auf die Luftüberlegenheit von Assads Armee.

          Wer Damaskus und Aleppo in seine Gewalt bringe, herrsche in Syrien, lautet eine alte Regel. So erklärt sich die Heftigkeit, mit der gegenwärtiggerade in Aleppo gekämpft wird. In Syrien hat sich die Weltgemeinschaft bisher als machtlos erwiesen, vor allem, weil die unmittelbar Beteiligten nur Sieg oder Niederlage kennen und die maßgeblichen Mächte diametral entgegengesetzte Ziele verfolgen.

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