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Lieder des Protests : Herr Präsident, Ihr Volk stirbt

  • -Aktualisiert am

Hamada Ben Amor alias El Général schmettert seine Revolutionshymne Bild: AFP

Tunesien und Ägypten sind junge Gesellschaften, deswegen fürchten die Machthaber den Protest der Popkünstler besonders. Der Rapper El Général entzündete mit seinem Zorn einen Flächenbrand.

          Wenn im Fernsehen Bilder der protestierenden Massen in ägyptischen Großstädten laufen, dann hört man wütendes Geschrei, bisweilen auch das Dröhnen von Panzerketten und das Krachen von Wurfgeschossen. Doch es gibt noch einen anderen Soundtrack zu dieser Revolution der arabischen Bürger: Lieder, die sich die Demonstranten von Handy zu Handy schicken, Rap-Zeilen, die jeder Jugendliche auswendig skandieren kann, wie etwa: „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt.“ So lautet ein Song des jungen tunesischen Hiphop-Musikers Hamada Ben Amor alias El Général, der zur inoffiziellen Hymne der Jasmin-Revolution in Nordafrika aufstieg (siehe El Général auf Youtube).

          Wie sehr das Regime des geflohenen tunesischen Präsidenten Ben Ali den Rapper fürchtete, zeigten die Ereignisse vom 7. Januar. An diesem Tag holten dreißig Polizisten in Zivil den Zweiundzwanzigjährigen in seinem Haus in der Hafenstadt Sfax ab. Über den Grund der Verhaftung und den Verbleib gaben sie keine Auskunft; Familienmitgliedern wurde lediglich beschieden, der Rapper „wisse schon, warum“.

          Bald darauf wusste ganz Tunesien, warum: In einem Land, in dem der Altersdurchschnitt der Bevölkerung bei fünfundzwanzig Jahren liegt, ist kaum eine Stimme gefährlicher als die eines jungen Popstars – vor allem, wenn er wie Hamada Ben Amor einen bereits bedrohlich köchelnden Volkszorn in Worte fasst. In seinem Song adressiert der Rapper selbstbewusst den Präsidenten, spricht unverblümt von Armut, Polizeigewalt und der Willkür der Regierung und bezieht sich dabei ausdrücklich auf die Selbstverbrennung eines von den Behörden schikanierten Straßenhändlers, die letztlich den Funken zum Straßenaufstand lieferte. An der staatlichen Zensur wäre „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“ wohl nie vorbeigekommen. Auf Facebook aber entwickelte sich das Video über Nacht zum Hit, quasi zu einem viralen Aufstandsbeschleuniger.

          Gewaltexzesse und Behördenwillkür

          Viele Tunesier hatten offensichtlich nur auf Zeilen wie diese gewartet: „Unsere Gesetze in der Verfassung / geben nur Dekoration ab / jeden Tag höre ich von Gerichtsverfahren / in dem die Armen betrogen werden.“ Die Nachricht von der Verhaftung des Rappers fachte die Flammen nur noch weiter an. Und da seine Texte auf Arabisch gehalten sind, rappten bald auch Jugendliche von Ägypten bis Jemen seine Botschaft mit.

          Ben Amor ließ sich dabei von der Hiphop-Szene in Algerien inspirieren: Als 1988 die Proteste Jugendlicher gegen die Erhöhung der Lebensmittelpreise und das marode Bildungssystem von der Armee blutig – es sollen bis zu tausend Todesopfer gewesen sein – niedergeschlagen wurden, schoss die frustrierte Jugend mit scharfen Raps zurück. Auf schwarzkopierten Kassetten und CDs kursierten danach Songs über die sogenannten Oktobermärtyrer; Rap schien das geeignete Medium, um den Unmut gegen die Staatsmacht in Worte zu fassen, die Bevölkerung aufzurütteln, Gewaltexzessen und Behördenwillkür zumindest verbal die Stirn zu bieten.

          Das erste Mal, dass arabischer Protest-Pop eine weltweite Öffentlichkeit findet

          Obwohl der algerische Staat und die Musikindustrie den jungen Rappern nur Steine in den Weg legten und Islamisten Jagd auf sie machten, zogen sie ein Millionenpublikum an. Zwar mussten viele von ihnen ins Exil flüchten. Doch die Politiker fürchteten sie als Sprachrohr einer verlorenen Generation. So machte der algerische Rapper Rabah Ourrad kurz vor der Präsidentenwahl 2004 Schlagzeilen, als er die politischen Missstände in seinem Land aufs Korn nahm, in einer Fotomontage seinen Kopf auf den Körper von Präsident Bouteflika setzte und dann auch noch als dessen Gegenkandidat auf Wahlkampftour durch Algerien aufbrach. Zwar wurde Bouteflika trotz allem wiedergewählt. Doch der junge Hiphop-Star hatte eine Gegenöffentlichkeit hergestellt, alle Medien hatten über die Texte des Rappers berichtet.

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