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Libyen : Prätorianergarde mit britischem Kommandosystem

Ein Soldat der „Brigade 32” Bild: (c) AP

Im Endkampf um Tripolis ist die „Brigade 32“ die wichtigste Einheit. Sie wird befehligt von Gaddafis jüngstem Sohn Khamis. Der Westen hat ihn umgarnt und gut ausgerüstet.

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          Sie soll die Stadt Zawija, 50 Kilometer westlich von Tripolis, eingekreist haben und die Zufahrtstraßen mit Panzern kontrollieren. Ihre Soldaten patrouillieren mit schwer bewaffneten Geländewagen in Teilen der Hauptstadt. Andere Einheiten haben das Hauptquartier in Misrata, 160 Kilometer östlich von Tripolis, gegen Aufständische verteidigt. Seit Tagen taucht die „Brigade 32“ in Meldungen der Nachrichtenagenturen und Augenzeugenberichten aus Libyen auf. Die Eliteeinheit wird kommandiert vom jüngsten Sohn des Diktators, Khamis al Gaddafi. Libyer sprechen deshalb von der „Khamis-Brigade“. Nach amerikanischer Einschätzung ist sie „am besten ausgestattet und am fähigsten, das Regime zu verteidigen“. So steht es in einem vertraulichen Bericht, den die Botschaft in Tripolis im Dezember 2009 an die Zentrale in Washington schickte und der vom Internetportal „Wikileaks“ veröffentlicht wurde.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          An der Schlagkraft der Brigade hat der Westen maßgeblichen Anteil. Gaddafi rüstete seine drei Eliteeinheiten, zusammen etwa 10.000 Mann, in den vergangenen Jahren mit Waffen und Kommunikationssystemen aus, die er in der EU erwarb. In zumindest einem Fall lässt sich das genau belegen. Der britische Rüstungskonzern General Dynamics gab im Mai 2008 ein Rüstungsgeschäft mit Libyen im Wert von 166 Millionen Dollar bekannt.

          Der Konzern lieferte demnach ein taktisches Kommando- und Kontrollsystem samt Ausbildung und technischer Einweisung für die „mechanisierte Elite-Brigade“ des Landes. Dabei handelt es sich nach Einschätzung von Fachleuten um die von Khamis al Gaddafi kommandierte Einheit. Es war das erste große Rüstungsgeschäft der Briten mit Libyen, seit die Europäische Union ihr Waffenembargo 2004 vollständig aufgehoben hatte. Eingefädelt wurde das Geschäft 2007 während eines Besuchs von Premierminister Blair in Tripolis.

          General Dynamics rüstet die britischen Streitkräfte seit 2004 mit dem taktischen Kommunikationssystem „Bowman“ aus. Es verwendet verschlüsselte digitale Radiosignale sowie GPS-Signale und ermöglicht die vernetzte Kommunikation von Truppenteilen auf dem Gefechtsfeld. Der Hersteller wirbt für ein „Gefechtsführungssystem mit erheblich verbesserter situativer Wahrnehmung und Funktionalität zur Unterstützung der Einsatzplanung“. Von den britischen Streitkräften wurde es 2005 im Irak erfolgreich getestet – das mag Gaddafis Kaufentscheidung erleichtert haben, denn die klimatischen Einsatzbedingungen sind in seinem Wüstenstaat ähnlich. Um Exportbeschränkungen zu umgehen, lieferte General Dynamics ihm eine leicht geänderte Version ohne amerikanische Technologie.

          Diplomaten hofierten den Kommandeur der Brigade

          Dass die meisten Rüstungskäufe der Libyer für die Eliteeinheiten des Regimes, insbesondere die Brigade 32, gedacht waren, ist Diplomaten bewusst gewesen. Sie haben deren Kommandeur sogar hofiert. Davon zeugt eine Depesche, die die amerikanische Botschaft in Tripolis Ende 2009 dem State Department übermittelte. Der Bericht schildert Gespräche zwischen einem Vertrauten von Gaddafis zweitältestem Sohn Saif al Islam und Mitarbeitern der Botschaft, unter ihnen der Militärattaché.

          Der Vertraute zeigte demnach „Interesse an dem Kauf militärischer Ausrüstung, insbesondere Anschaffungswünsche von Khamis al Gaddafis 32. Brigade“. Er verlangte von seinen amerikanischen Gesprächspartnern eine Erklärung dafür, warum deren Regierung sich dem Verkauf von „Little Bird“-Hubschraubern widersetze. Little Bird ist ein leicht bewaffneter Kampfhubschrauber, der von amerikanischen Spezialkräften eingesetzt wird. Da die Vereinigten Staaten nur den Export „nicht-tödlicher“ Ausrüstung nach Libyen erlauben, bot der Vertraute an, sein Land würde den Hubschrauber auch ohne Bewaffnung erwerben.

          Gerüstet vom Westen

          Der Militärattaché lehnte dies ab, verwies aber auf „eine Zahl anderer Hubschraubersysteme“, welche von der zuständigen Behörde für den Verkauf freigegeben wurden. Saifs Vertrauter zeigte derweil „besonderes Interesse an einem Angebot an Khamis, durch die Vereinigten Staaten zu reisen und militärische Einrichtungen zu besuchen“. Dass ein Gesandter Saif al Islams in der amerikanischen Mission vorstellig wurde, erklärten sich deren Mitarbeiter so: Der ältere Bruder versuche sich die Gunst des jüngeren zu sichern. Angesichts der Bedeutung seiner Brigade sei es nur natürlich, „dass jeder versucht, sich mit Khamis zu verbünden, der die Macht übernehmen will“, hieß es in dem Bericht.

          Seitdem haben sich die Zeiten geändert. Dem 28 Jahre alten Khamis, der 2007 sein Studium an der Moskauer Militärakademie abgeschlossen hat, fällt nun eine Schlüsselrolle im Überlebenskampf des Regimes zu. Gerüstet ist er dafür – vom Westen.

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