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Libyen : Mit bewaffneten Wünschen

Platz für Neues: Demonstration auf dem Platz der Märtyrer in Tripolis für das Isolationsgesetz, mit dem alte Anhänger Gaddafis aus ihren Ämtern gezwungen werden sollen Bild: AFP

Die Regierung kann die Leere nach Gaddafis Sturz nicht füllen. Milizen, Kriminelle und alte Eliten mischen mit im Kampf um das neue Libyen. Viele haben Waffen, einige Geld, manche beides.

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          Was denkst du wohl, was wir für dich bekommen?“, fragt Mahmud und grinst breit. „Das ist ein Ausländer, der bringt mehr ein“, ruft sein Freund. „Tja, so läuft das hier bei der Miliz“, sagt Mahmud. Abdalsalam, der das Gefrotzel verfolgt, scheint zunächst nicht so recht zu wissen, ob er jetzt mitlachen oder dem Ganzen lieber Einhalt gebieten soll. Schließlich soll sein Gast keinen falschen Eindruck bekommen.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Er und Mahmud stehen im Dienst einer der zahlreichen Rebellenbrigaden, von denen viele in Libyen noch immer sehr mächtig sind. Er legt großen Wert darauf, dass seine Truppe inzwischen dem Innenministerium zugeordnet ist - also keine von diesen rechtlosen Banden ist, die auf eigene Rechnung arbeiten, anstatt für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Das Wort „Miliz“ mag er sowieso nicht besonders. Seine Freunde benutzen es deswegen immer wieder genüsslich und mit gespielter Furcht.

          Das Wort „Miliz“ steht in Libyen für radikale Islamistenbrigaden, die nur für Gott kämpfen, für Stammeskämpfer oder für bewaffnete Männer aus Revolutionshochburgen wie den Städten Misrata oder Zintan, denen es um die Interessen ihrer Heimatregion geht, die mit Gewalt ihre Forderungen durchzusetzen versuchen und auch vor Geiselnahmen nicht zurückschrecken. Wer „Miliz“ hört, denkt an die Kämpfer, welche die Regierung nur mit großer Mühe von jenen Anwesen in Tripolis vertreiben kann, die sie besetzt halten. Und doch ersetzen einstige Rebellenbrigaden vielerorts noch immer die abwesende Staatsmacht.

          Korruption und Eigennutz seien auf dem Vormarsch

          Libyen ist in diesen Tagen ein verunsichertes, krisengeschütteltes Land. Die patriotische Zuversicht der Monate nach dem Tod von Muammar al Gaddafi vor gut anderthalb Jahren schwindet. Abdalsalam und seine Freunde sagen, jetzt seien Korruption und Eigennutz auf dem Vormarsch. Wie viele Libyer haben sie das Gefühl, die neue Regierung sei genauso untätig wie die Übergangsregierung, die sie abgelöst hat. Denn die Krankenhäuser, Schulen und Straßen sind noch immer in schlechtem Zustand, und viele Menschen sind noch immer ohne Arbeit.

          Es ist eine Regierung, die zwar keine großen Fehler macht, aber auch keine großen Fortschritte vollbringt. Sie steht von vielen Seiten unter immensem Druck, agiert daher zögerlich, was vielleicht ihre größte Schwäche ist. Viele beklagen sich. So wie der genervte Manager eines westlichen Ölkonzerns, der sagt, dass es noch immer unmöglich sei, mit den neuen Behördenvertretern ins Geschäft zu kommen - weil niemand Entscheidungen fällen wolle, aus Angst, sich angreifbar zu machen.

          Also nehmen Leute wie Abdalsalam die Aufgaben des Staates weiter in ihre eigenen Hände. In seinem Heimatort Tadschura ist es die „Katiba Schuhada al Wasat“ - die „Brigade der Märtyrer des Zentrums“, benannt nach dem zentralen Platz jener Kleinstadt in der Nähe von Tripolis, die eine der Hochburgen der Rebellion gegen das Gaddafi-Regime war. Der Palast eines engen Gaddafi-Vertrauten ist jetzt ihre Basis. Junge Männer sitzen dort in abgewetzten tiefen Sesseln von pompöser Billigkeit. Wenn es Probleme gibt, rücken sie aus. Das können Leute sein, die anrufen, weil sie vermuten, dass ein Nachbar Jugendliche zum Saufen verführt.

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