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Libyen : Loyal zum Stamm, nicht zum Regime

Wie diese Demonstranten in Tripolis wenden sich auch viele Soldaten inzwischen gegen das Regime Gaddafis Bild: dpa

Immer mehr Soldaten setzen sich von Gaddafi ab, vor allem im Osten Libyens. Nicht nur dort laufen dem Diktator Soldaten davon. Zwei Kampfflugzeuge seiner Luftwaffe landeten am Montag auf Malta. Verlassen kann er sich vorerst nur auf seine Prätorianergarden.

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          Die Soldaten in Dschabal Akhdhar wollen dem Revolutionsführer offenbar nicht mehr dienen. Im Internet wird eine eilig inszenierte Erklärung verbreitet. Das Video zeigt einen Offizier in Ausgehuniform auf einem kargen Flur. Ihm wird schnell noch ein Mikrofon gereicht, dann verliest er seine Erklärung: „Wir sind die kommandierenden Offiziere des Militärs in Dschabal Akhdhar und den umliegenden Regionen. Wir erklären, dass wir uns der Jugendbewegung anschließen und uns dem Kommando des Volkes unterstellt haben, um Frieden, Sicherheit und das öffentliche Interesse zu wahren ... Möge Gott uns schützen.“ Ein Zivilist mit Sturmgewehr neben ihm erhebt die Hand zum Victory-Zeichen.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Thomas Gutschker

          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Dschabal Akhdhar ist die Provinz im Osten Libyens, in der etwa die Stadt Al Baida liegt – eine Hochburg des Widerstandes gegen das Gaddafi-Regime. Dass gerade dort die Soldaten desertieren, ist daher nicht verwunderlich. Es mehren sich die Berichte, dass dieser Teil des Landes inzwischen von den Regimegegnern kontrolliert wird. Nicht nur dort laufen dem Diktator Soldaten davon. Zwei Kampfflugzeuge seiner Luftwaffe landeten am Montag auf Malta. Die Piloten gaben an, sie hätten sich dem Befehl entzogen, auf Demonstranten zu schießen. Am Mittwochmorgen war zudem von insgesamt zwei Schiffen mit desertierten Soldaten die Rede, die ebenfalls Kurs auf Malta genommen hatten.

          Florence Gaub von der Nahost-Fakultät des Nato Defence College in Rom, einer Forschungseinrichtung der Allianz, zeigt sich wenig überrascht von diesen Entwicklungen. „Unter der Oberfläche brodelt es in den libyschen Streitkräften schon seit zehn, fünfzehn Jahren gewaltig“, sagt die Wissenschaftlerin. Zwar habe das Regime wie in anderen arabischen Staaten auch versucht, ethnisch gemischte Einheiten aufzustellen, um sich der Loyalität der Soldaten zu versichern.

          Bild: dpa

          Doch gebe es Hinweise darauf, dass Mitglieder aus Stämmen, die dem Revolutionsführer genehm waren, bei Beförderungen bevorzugt worden seien. „Das hat im Militär zu Frustrationen geführt, die sich nun mit politischem Unmut paaren“, sagt Gaub. Sie betrachtet vor allem jüngere Offiziere als für das Regime unsichere Kantonisten. „Sie haben weniger zu verlieren und sind noch nicht so stark durch die Ideologie des Regimes geprägt“, sagt die Militärsoziologin. Sie hat noch eine weitere Erklärung dafür, dass Stammesloyalitäten heute stärker sind als die Treue zum Regime: „Libyen lässt seit einigen Jahren die Einheiten nicht mehr durch das Land rotieren. Es ist einfach günstiger, wenn die Soldaten an ihren Heimatorten eingesetzt werden.“

          Gaddafi soll seinen Armeechef unter Hausarrest gestellt haben

          Manche Berichte lassen auch Zweifel an der Loyalität der Armeeführung aufkommen. So soll Gaddafi zu Wochenbeginn seinen Armeechef Brigadegeneral Abu Bakr Yunis Jabir unter Hausarrest gestellt haben, weil dieser sich auf die Seite de Demonstranten stellte. Der General, 1940 geboren, wurde an der Militärakademie von Benghasi ausgebildet. Er besuchte mit dem jungen Gaddafi dieselbe Klasse und gehörte dem „Bund Freier Offiziere“ an, der am 1. September 1969 König Idris durch einen unblutigen Putsch stürzte und Gaddafi an die Macht brachte.

          Mit seiner Wutrede vom Dienstagnachmittag hat Gaddafi allerdings klar gemacht, dass er nicht von sich aus die Waffen strecken wird. Schon die Inszenierung strotzte vor Selbstbehauptungswillen. So trat der Diktator in der zerstörten Kaserne Bab el Asisija in der Hauptstadt Tripolis auf. Amerikanische Kampfflugzeuge hatten Gaddafis Hauptquartier 1986 bombardiert, dessen Überreste dienen ihm seither als Denkmal und Kulisse – und nun womöglich auch als Festung.

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