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Libyen : Gaddafi: Kampf bis zum „Märtyrertod oder Sieg“

  • Aktualisiert am

Siegespose: Ein Rebell mit der Flagge der Aufständischen posiert vor dem Hauptquartier Gaddafis auf dem Denkmal für die Abwehr der amerikanischen Bombenangriffe von 1986 Bild: dpa

Seine Residenz in der Hauptstadt Tripolis hat Muammar al Gaddafi schon an die libyschen Rebellen verloren. Er ist untergetaucht. In einer Audiobotschaft gibt sich der Despot nach wie vor kämpferisch.

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          Der libysche Despot Muammar al Gaddafi gibt sich trotz aller militärischen Rückschläge unbeugsam. Nach der Erstürmung seines Hauptquartiers durch Rebellen rief der 69-Jährige die Bevölkerung am Mittwochmorgen in einer Audiobotschaft zum Widerstand auf. Zuvor hatte Gaddafi in einer ersten Audionachricht angekündigt, er werde bis zum „Märtyrertod oder Sieg“ kämpfen.

          Gaddafi warf den Aufständischen Folter vor. Sie würden Gegner „exekutieren“. Er forderte die „Befreiung“ der Hauptstadt Tripolis von den „Teufeln und Verrätern“, die sie überrannt hätten. „Warum lasst ihr zu, dass sie ein solches Chaos anrichten?“ In seiner Residenz fielen laut BBC am Mittwoch immer noch vereinzelt Schüsse. Auch in der Nähe des internationalen Flughafens in Tripolis und im südwestlichen Vorort Al-Hadaba al-Chadra lieferten sich Aufständische und Anhänger Gaddafis weiter Gefechte. Laut Al Dschazira griffen Regierungstruppen in der Nacht zudem die Rebellen-Hochburg Misrata mit Scud-Raketen an, die aus Sirte, der Heimatstadt Gaddafis, abgefeuert wurden.

          Die britische BBC meldete unter Berufung auf den Sender al-Uruba, dass Gaddafi seinen Rückzug aus dem Militärkomplex Bab al-Asisija i als „taktisches Manöver“ bezeichnet habe. Die Anlage sei bereits durch 64 Nato-Luftangriffe in den vergangenen Monaten zerstört worden, habe er gesagt. Nach eigenen Angaben spazierte Gaddafi sogar unerkannt durch Tripolis, ohne eine Gefahr zu erkennen, wie der arabische Fernsehsender Al-Arabija berichtete.

          Bild: dpa

          Trotz der Erfolge der Rebellen hat Gaddafi nach Ansicht des russischen Präsidenten Dmitri Medwedjew weiter Einfluss und militärische Macht. „Tatsächlich gibt es in dem Land eine Doppelherrschaft“, sagte Medwedew nach einem Treffen mit dem nordkoreanischen Machthaber Kim Jong Il in der sibirischen Stadt Ulan Ude. Das militärische Potenzial von Gaddafis Anhängern sei nicht erschöpft.

          „Wir müssen uns jetzt auf den Wiederaufbau konzentrieren“

          Unterdessen rief der Nationale Übergangsrat die Libyer zur Einheit auf. „Wir müssen uns jetzt auf den Wiederaufbau konzentrieren und darauf, die Wunden zu heilen“, sagte der Vorsitzende Mahmud Dschibril in einer am Dienstagabend vom arabischen Nachrichtensender Al Dschazira aus Doha übertragenen Pressekonferenz. Er versicherte, dass die Sicherheit in Tripolis und im ganzen Land wiederhergestellt werde. „Die Übergangsperiode hat jetzt begonnen.“

          Wie der Sprecher des Übergangsrats, Mahmud Shammam, dem amerikanischen Sender CNN sagte, wollte ein Teil der Minister der Übergangsregierung bereits am Mittwoch von der Aufständischenhochburg Benghasi in die Hauptstadt umziehen. Dschibril appellierte an die Verantwortung der Kämpfer. Gefangene sollten fair und nach den Regeln der Genfer Konvention behandelt werden.

          Auch Gaddafis Regierungssprecher Mussa Ibrahim sprach von einem kontrollierten Rückzug aus der Residenz, da sie keinem „militärischem oder strategischem Zweck“ mehr gedient habe. Wie die BBC weiter berichtete, drohte Ibrahim in dem Telefoninterview mit al-Urubah TV zugleich Libyen in einen „brennenden Vulkan“ zu verwandeln. Man werde den Eindringlingen „Feuer unter den Füßen“ machen. 6500 Freiwillige seien in der Nacht nach Tripolis eingerückt und hätten sich in der ganzen Stadt verteilt. Tausende weitere würden außerhalb der Stadt auf ihren Einsatz im Kampf warten. Nach wie vor befänden sich 80 Prozent der Hauptstadt unter Kontrolle des Gaddafi-Regimes, behauptete Ibrahim.

          Ausländische Journalisten in Hotel in Tripolis festgehalten

          Anhänger Gaddafis halten 35 ausländische Journalisten in einem Hotel in Tripolis fest. Reporter der Sender BBC und CNN berichteten am Mittwoch, die Journalisten würden daran gehindert, das Nobelhotel Rixos zu verlassen. Einen Kameramann des britischen Fernsehsenders ITN hätten die Bewaffneten mit einem Schnellfeuergewehr vom Typ AK 47 bedroht. Es herrsche große Nervosität unter den Journalisten. Sie gingen davon aus, dass weiter Gaddafi-treue Scharfschützen auf dem Dach postiert seien. Die Situation habe sich in der Nacht zum Mittwoch „massiv verschärft“, berichtete Price. Wächter würden durch die Flure patrouillieren. „Es ist klar, dass wir das Hotel nicht freiwillig verlassen dürfen.“

          CNN-Reporter Matthew Chance berichtete, es gebe nur zeitweise Strom. Bei Nacht liefen die „Gäste“ mit Kerzen umher. Sie würden die Räume des Luxushotels nach Essbarem durchsuchen. Versuche, die Bewaffneten davon zu überzeugen, die Ausländer gehen zu lassen, seien gescheitert. Das Hotel war telefonisch am Mittwochvormittag nicht erreichbar.

          Unterdessen kündigte die sandinistische Regierung Nicaraguas an, Gaddafi Asyl zu gewähren, falls dieser dies wünsche. „Wenn jemand uns um Asyl bitten würde, hätten wir dem positiv Rechnung zu tragen“, sagte Bayardo Arce, einer der engsten Mitarbeiter des sandinistischen Präsidenten Daniel Ortega, am Dienstag vor der Presse in Managua. Er schloss allerdings aus, dass Gaddafi wirklich in Nicaragua Zuflucht suchen wolle. Ortega hatte seinem langjährigen Alliierten in der aktuellen Krise mehrfach Hilfe und Solidarität zugesagt.

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