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Libyen : Die Besitzer des Blutes

Sabha

Überall in den ärmlichen Tubu-Vierteln sind noch Spuren der Kämpfe zu sehen: Einschusslöcher großkalibriger Munition, ausgebrannte Autowracks. „Wer hier ein Haus attackierte, konnte sicher sein, die Tubu zu treffen“, sagt deren Führer Molema. Es seien Dutzende Häuser zerstört worden. Fünf Tage lang wurde hier heftig gekämpft. Der örtliche Militärrat, der von den Awlad Suleiman dominiert wurde, hatte in den Streit um das Auto eingegriffen. Ein Treffen in der von Gaddafi errichteten Volkshalle, bei dem eigentlich vermittelt werden sollte, endete in einem Feuergefecht. Es soll zu der Zeit schon gegenseitige Überfälle auf Warenkonvois im Streit um den Grenzhandel gegeben haben. Die Araber hätten das Feuer eröffnet, behauptet Molema. Junge Tubu in Militäruniformen zeigen Videoaufnahmen von Mobiltelefonen, die sie von feindlichen Kämpfern erbeutet haben wollen. Darin ist zu sehen, wie die auf die Ladeflächen der Pritschenwagen montierten Flugabwehrgeschütze auf Wohngegenden feuern und wie junge Araber in diesen Vierteln plündern. Ein Mann mit verkrüppeltem Arm erzählt, dass eine Ärztin ihn noch im Krankenhaus vor seinen arabischen Feinden habe verstecken müssen.

Es werden viele solche Geschichten erzählt. Ob sich wirklich alle so zugetragen haben, kann man kaum klären. Doch für die Tubu sind diese Erzählungen ebensolche Gewissheiten wie die Annahme, dass auch die neue Führung in Tripolis ihnen feindselig gegenübersteht. „Wir haben uns an die Regierung gewandt, niemand hat geantwortet. Wir mussten alle Schäden aus eigener Tasche zahlen“, sagt Molema. Menschrechtsaktivisten der Tubu in Sabha sagen, die Regierung habe dem Morden zu lange zugesehen und später – als es vorbei war – zu einem Untersuchungsbericht geschwiegen, den sie an mehrere Ministerien im fernen Tripolis geschickt hätten.

Vernachlässigt: Tristesse dominiert das Straßenbild in Sabha

Dort zeigt der Präsident des Nationalen Volkskongresses Muhammad Magaryaf Verständnis für die Ablehnung, die dem Abkommen unter den Tubu entgegenschlägt. „Das überrascht mich nicht“, sagt Magaryaf, der mit seinem Amt an der Spitze des Nationalkongresses de facto das libysche Staatsoberhaupt ist. Er selbst habe kaum von den Vorbereitungen zu dem Abkommen gehört, bevor es verkündet wurde. „Das war wohl eher ein politischer Schachzug“, sagt er.

Solch deutliche Kritik klingt etwas verwunderlich, schließlich war auch Magaryaf zugegen, als die Staatsführung das Abkommen Ende April in Tripolis feierte. „Um Ihnen die Wahrheit zu sagen: Bis es keine tiefgehende Bereitschaft gibt, die Tubu als Teil Libyens zu akzeptieren, wird es das Problem weiter geben“, sagt er. Die Konflikte, die das Gaddafi-Regime dem neuen Libyen vererbt habe, würden andauern. „Es war keine einfache Revolution, es ist viel Blut vergossen worden. Es wäre falsch zu erwarten, dass es schnell geht.“ Doch jetzt gelte es das Fundament für eine authentische Versöhnung zu legen, die alle einschließe. „Die Regierung sollte jetzt sehr deutlich machen, dass das neue Libyen ein Libyen für alle ist - für alle Regionen und Stämme. Das sollte sich auch ihrer Politik und ihren Taten widerspiegeln“, sagt er.

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