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Libyen : Die Besitzer des Blutes

Alle haben Waffen“: Tubu-Führer Basinka Molema misstraut der neuen Führung.

„Mit schweren Waffen haben sie auf Wohnhäuser geschossen“, sagt Basinka Molema. Er ist ein hagerer Mann, dem Härte ins Gesicht gemeißelt zu sein scheint. Acht Jahre saß er unter Gaddafi im Gefängnis. Er ist einer der Tubu-Führer, die dem Frieden nicht trauen, den die Regierung im fernen Tripolis vermittelt haben will. Einer, der immer zuerst spricht, vor den jungen Kämpfern, die bei seinen länglichen Vorträgen sichtlich ungeduldig werden. „Das ist ein politisches Abkommen“, sagt er. Es sei unter dem Tisch ausgehandelt worden. „Wir wollen Gerechtigkeit. Wir wollen, dass die Täter zur Rechenschaft gezogen werden.“ 17 Namen haben sie auf ihrer Liste. Ohne die Zustimmung der Besitzer des Blutes, ohne dass diese ein Abkommen mit ihrem Fingerabdruck gebilligt hätten, sei es das Papier nicht wert, auf dem es geschrieben worden sei. Bisher, sagt Basinka, gebe es nur einen Waffenstillstand. „Wir gehen uns, so gut es geht, aus dem Weg.“

Die Anspannung ist nicht gewichen, das Misstrauen auch nicht. „Natürlich haben alle Stämme Waffen“, sagt Molema. Der ordnenden Hand der Einheiten aus Tripolis trauen er und seine Männer offensichtlich nicht. Molema trägt seine Pistole wie ein Westernheld am Gürtel, wenn er in die Stadt fährt. Die jungen Kämpfer, die ihn begleiten, haben auf der Rückbank ihres Pritschenwagens vier Sturmgewehre und eine Panzerfaust liegen, weil man nie wissen kann. Das Anwesen, in dem sie die Nacht verbringen, ist von hohen Mauern umgeben. Es liegt in einem der armen, grau in grau gemalten Viertel am Rand von Sabha, wo die Straßen nicht asphaltiert sind, die Häuser schäbig sind und alles unter einem milchigen Schleier aus Staub liegt.

„Jetzt gibt es viele Gaddafis“

In solche Gegenden wurden die Tubu verdrängt, nachdem Gaddafi zur „Arabisierung“ des Südens geblasen hatte. Auf 350000 bis 400000 wird die Zahl der Tubu geschätzt, sie sind geprägt von Marginalisierung, Diskriminierung und dem Ringen, als libysche Staatsbürger anerkannt zu werden. Gaddafi hatte noch in den siebziger Jahren Tubu-Rebellen in Tschad unterstützt; er war mit der tschadischen Regierung in einen blutigen Konflikt um einen Streifen Land entlang der Grenze verwickelt. Als die Allianz mit den Tubu später zerbrach, ließ Gaddafi seine Rache spüren. In den achtziger Jahren hatte unter dem Banner der Arabisierung seine Kampagne zur Umsiedlung arabischer Stämme in den Süden begonnen. Unter diesen war auch ebenjener Stamm der Awlad Suleiman, den die Tubu jetzt für Tod und Zerstörung in Sabha verantwortlich machen.

Die Tubu haben nicht das Gefühl, dass sich viel verändert hat. „Jetzt gibt es viele Gaddafis“, sagen sie. Die Tubu haben sich früh gegen den Tyrannen gestellt, waren eine wichtige Säule des Aufstands im Süden. Sie kontrollieren weite Teile des Südens. Jetzt wollen sie ihre Position behaupten, wollen, dass sie festgeschrieben wird in der neuen Verfassung. Der unterschwellige Rassismus und die damaligen Propagandalügen halten sich tatsächlich hartnäckig. Der Fezzan, der Süden Libyens, ist für viele im Norden oder Osten noch immer ein unbekanntes Land. Noch immer ist von junge Leuten an den Kaffeehaustischen in Tripolis zu hören: „Das sind doch überwiegend Tschader, keine Libyer.“ Kaum einer von ihnen weiß genau, was sich in Sabha abspielte.

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