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Libanon : Im Würgegriff syrischer Ängste

  • -Aktualisiert am

Kriegsopfer: Verwundete Syrer in der libanesischen Stadt Tripoli Bild: Polaris/laif

Die Libanesen erfüllt der Konflikt jenseits der Grenze mit Sorge - wegen Flüchtlingen, die ewig bleiben, wegen der Geheimdienste Assads und einer neuen Welle von Terroranschlägen.

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          Nervös trommelt der Fahrer mit den Fingerspitzen auf das Lenkrad. Hinter ihm stauen sich mehr und mehr Autos, und die Schlange vor seinem Wagen am Ende der Uferpromenade von Beirut will einfach nicht kürzer werden. Uniformierte kontrollieren Kofferräume, lassen sich Ausweise zeigen. Vor acht Jahren explodierte hier eine Hunderte Kilogramm schwere Autobombe - der frühere libanesische Ministerpräsident Rafik Hariri und 21 weitere Personen wurden getötet, unter ihnen seine sechs Leibwächter. Erst als der Fahrer den Kontrollposten der Polizei neben dem Denkmal für das Attentat passiert hat, atmet er auf.

          Die Angst ist allgegenwärtig. Ende August explodierten vor zwei sunnitischen Moscheen in Tripoli Bomben, 42 Menschen wurden getötet. Eine Woche zuvor hatte ein Anschlag im Süden Beiruts, im von der schiitischen Hizbullah kontrollierten Gebiet, 21 Opfer gefordert. Wie beim Anschlag auf Hariri 2005 weisen die Spuren nach Damaskus, ein syrischer Offizier wurde schon verhaftet.

          Der Krieg im Nachbarland hat den Libanon fest im Griff, jeder im Land ist inzwischen ein Syrer. Mehr als 600.000 Menschen haben sich seit Beginn des Aufstands vor zweieinhalb Jahren bei der Behörde des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen (UNHCR) registrieren lassen, Zehntausende mehr leben ohne offiziellen Status im Libanon. Keine Gegend mehr, in der Syrer nicht Zuflucht gesucht hätten. Mit Rosen in der Hand oder unter den Arm geklemmten Schuhputzschemeln sind die armen Flüchtlinge tagsüber auf der Uferpromenade unterwegs, um sich ein paar Dollar zu verdienen. Nachts kauern sie in Hauseingängen oberhalb der Straße im Mittelstandsviertel Ras Beirut. Auch die Damaszener Oberschicht treibt es in den Libanon, etliche der vorbeifahrenden Autos haben syrische Kennzeichen.

          „Nur mit Gewalt kann Assad gestürzt werden“

          Allein vergangene Woche nahm die Hauptstadt Hunderte Neuankömmlinge auf; die Furcht vor weiteren wächst mit jedem Tag, den ein amerikanischer Militärschlag näher rückt. Viele derer, die es sich leisten können, sind inzwischen weitergereist: Weil schon vergangene Woche mit Luftangriffen gerechnet wurde, waren am Beiruter Flughafen zeitweise keine Tickets mehr für Flüge ins Ausland zu erhalten.

          Unterstützer des Assad-Regimes sind in Beirut ebenso präsent wie dessen Gegner. Auf der Makdissi-Straße in Ras Beirut beobachtet eine Handvoll junger Männer die vorbeiziehenden Passanten, über ihren Köpfen wehen die Fahnen der Syrischen Sozialistischen Nationalen Partei (SSNP). Mehrere Büros unterhalten die neben der Hizbullah engsten libanesischen Verbündeten des syrischen Machthabers Baschar al Assad in der Gegend. Bis vor wenigen Monaten hatte auch die syrische Botschaft hier ihren Sitz. Bei Treffen in den Kneipen des Viertels schauen Oppositionelle misstrauisch um sich, sprechen nur mit gedämpfter Stimme von ihrem Widerstand gegen das Regime.

          Angst und Schrecken herrschen in Beirut nach der Detonation einer Autobombe

          Die Spaltung der syrischen Gesellschaft durchzieht auch eine Runde von Freunden, die auf der Terrasse eines Cafés in der Bergstadt Bhamdoun zusammensitzt. „Fragen Sie den, der gehört zu unseren Feinden“, sagt ein junger Mann in Trainingsanzug und weist auf seinen Sitznachbarn in der Runde. Lachend steht Ghassan auf und bekennt sich stolz zu Assad - zu „meinem Präsidenten“, wie er sagt. Die drei anderen Männer grinsen. Erst als Ghassan sagt, er sei gegen amerikanische Luftschläge, widersprechen sie: Nur mit Gewalt könne Assad gestürzt werden, nur durch Druck von außen könne dem Regime in Damaskus ein Ende bereitet werden. Ghassan ist vor mehr als einem Jahr in den Libanon gegangen. Der Krieg, der Mangel an Arbeit und die Inflation hätten ihn weggetrieben nach Bhamdoun, eine Sommerfrische im Schuf-Gebirge oberhalb von Beirut. „Wer arm ist, ist gegen Assad, und wer reich ist, mit dem Regime“, sagt er und lacht wieder. Er kann offen sprechen im Kreise von Vertrauten.

          Ressentiments nehmen täglich zu

          Anderswo hingegen herrscht eingeschüchtertes Schweigen, wenn es um den Syrien-Konflikt geht. Die Angst vor den syrischen Geheimdiensten ist groß. Bis 2005, als die Ermordung Hariris zu einer Massenbewegung gegen die syrische Protektoratsherrschaft führte und die Proteste des „Beiruter Frühlings“ die Besatzungstruppen aus dem Land zwangen, hatten syrische Offiziere ein paar Kilometer nördlich von Bhamdoun ihren Sitz. Ins Hotel Bois du Bologne an der Straße nach Damaskus waren Soldaten schon während des Bürgerkriegs 1976 eingerückt. Bis heute dauert die bedrückende Erinnerung an die syrische Militärpräsenz in der Bevölkerung an.

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