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Libanon : Dialektik des Widerstands

  • -Aktualisiert am

Hizbullah-Generalsekretär Hassan Nasrallah spricht in einer Videoansprache zu seinen Anhängern Bild: AFP

Uneingeschränkte Solidarität: Hizbullah-Generalsekretär Nasrallah stellt sich hinter Syriens Präsident Assad. Den Vereinigten Staaten wirft er vor, die arabischen Aufstände für eigene Zwecke zu vereinnahmen.

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          Der Ratschlag kam von oberster Stelle. „Wir rufen alle Syrer auf, ihr Land ebenso zu bewahren wie das herrschende Regime, ein Regime des Widerstands“, rief Hassan Nasrallah seinen Anhängern zu. Selbst zu Gast war der Generalsekretär des „Islamischen Widerstands im Libanon“, wie es auf der gelben Fahne der Hizbullah mit dem Maschinengewehr heißt, am Mittwoch zwar nicht. Doch zur Feier des elften Jahrestags des israelischen Rückzugs aus dem Südlibanon in der Bekaa-Ebenen-Gemeinde Nabi Schit kam auch die Botschaft von der riesigen Videoleinwand gut an: „Der Unterschied zwischen den arabischen Aufständen und Syrien“, so der Schiitenführer, „besteht darin, dass Präsident Assad davon überzeugt ist, dass Reformen notwendig sind, was in Bahrein und anderen arabischen Staaten nicht der Fall ist.“

          Der Hinweis war notwendig, hatte Nasrallah sich doch noch zu Beginn des Jahres enthusiastisch über die Aufstände in Tunesien und Ägypten geäußert. Den Sturz Husni Mubaraks stellte er im Februar in eine Linie mit dem Erfolg der iranischen Revolution 1979 und pries ihn als „historischen Sieg“; Ali Chamenei wertete den ägyptischen Volksaufstand als Zeichen „islamischen Erwachens“. Auch die Proteste gegen Libyens Führer Muammar al Gaddafi stießen auf Zustimmung der Verbündeten in Teheran und Beirut: Seit dem Verschwinden des libanesischen Imams Mussa al Sadr in Tripolis 1978 verdächtigen sie Getreue Gaddafis, den schiitischen Geistlichen umgebracht zu haben.

          Im Einklang mit der Hizbullah-Linie stimmte Libanons Vertreter bei den Vereinten Nationen, Nawaf Salam, im März im Sicherheitsrat für die Militärintervention in Libyen. Einen Monat später lehnte er ein hartes Vorgehen gegen Syrien mit Verweis auf die besonderen Beziehungen zwischen beiden Staaten ab - wenngleich er die Hoffnung äußerte, „dass Reformen dem syrischen Staat und dem syrischen Volk Fortschritt und Wohlstand bringen werden“. Gegenüber dieser Zeitung bestritt Salam, dass der Sturz der prowestlichen Regierung Ministerpräsident Saad Hariris durch die Hizbullah im Januar Einfluss auf seine Entscheidungen habe: „Unsere Arbeit ist dadurch weder einfacher noch leichter geworden.“ Die 2009 verabschiedete Regierungserklärung bilde die Grundlage seiner Tätigkeit in New York, und dabei handele es sich um eine „konsensuelle Plattform“ pro- und antisyrischer Kräfte.

          Nasrallah unterstützt Präsident Assad und hofft darauf, dass die Lage in Syrien stabil bleibt

          Hizbullah unterstellt den Amerikanern einen Komplott

          Dennoch sticht die Syrien-Entscheidung hervor - passt doch auch die von der schiitischen Bevölkerungsmehrheit in Bahrein getragene Protestbewegung gegen das sunnitische Königshaus der Chalifas ins Raster des Widerstands Marke Hizbullah. Dass Truppen des von Saudi-Arabien dominierten Golfkooperationsrats im März in dem Inselstaat einmarschierten, um den Aufstand niederzuschlagen, war aus Hizbullah-Sicht ein amerikanischer Komplott zum Schutze der Fünften Flotte. Vorwürfe, die „Partei Gottes“ habe dort, im Jemen, in Syrien und in Libyen mit eigenen Kämpfern interveniert, wies Nasrallah in seiner Fernsehansprache entschieden zurück. Vielmehr seien es der amerikanische Präsident Obama und der israelische Ministerpräsident Netanjahu, die versuchten, die arabischen Aufstände „zu vereinnahmen“. Auch die Verzögerungen bei der Regierungsbildung in Beirut seien auf amerikanische Einflussnahme zurückzuführen.

          Vier Monate sind seit dem Sturz Hariris inzwischen vergangen, und immer noch ist es der Hizbullah und ihren Verbündeten nicht gelungen, sich auf ein neues Kabinett zu einigen. Hatte der designierte Ministerpräsident Najib Miqati im Januar noch darauf gesetzt, dank seiner guten Verbindungen zu Syriens Präsident Assad rasch eine Regierung zu bilden, machten die Massenproteste im Nachbarland ihm einen Strich durch die Rechnung. Assad fällt als Vermittler zwischen den zerstrittenen Fraktionen des prosyrischen Lagers bis auf weiteres aus. Und der sunnitische Multimilliardär Miqati verfügt nicht über genügend politische Macht, um den stärksten christlichen Akteur, Michel Aoun, in die Schranken zu weisen.

          Sorge vor dem Einmarsch syrischer Truppen

          Nasrallahs uneingeschränkte Unterstützung Assads erscheint so weniger als Zeichen der Stärke denn als Ausdruck eigener Unsicherheit: Würde das alawitische Minderheitenregime in Damaskus gestürzt, verlöre Iran seinen einzigen arabischen Verbündeten - was sich negativ auf die schiitische Parteimiliz auswirken würde. Schon Ende April führte das brutale Vorgehen von Assads Sicherheitskräften zur Flucht Hunderter Syrer in den Libanon. Libanesische Medien berichten von starker Truppenkonzentration an der Nordgrenze des Landes; die Sorge, die nach der Ermordung Rafiq Hariris 2005 abgezogenen syrischen Einheiten könnten wieder einmarschieren, wächst. Im nahe der Grenze gelegenen Küstenort Tripoli kam es bereits zu ersten Zusammenstößen zwischen pro- und antisyrischen Gruppierungen.

          Im Zuge des syrischen Rückzugs 2005 und des Krieges mit Israel 2006 war der Libanon schon einmal in eine schwere Staatskrise gestürzt; mehr als anderthalb Jahre blieb das Land ohne anerkannte Regierung. In dieses Machtvakuum fiel der Hunderttagekrieg mit der Islamistenmiliz Fatah al Islam um das Palästinerserlager Nahr al Bared 2007 und die Eroberung Westbeiruts durch Hizbullah-Milizen im Mai 2008. Solange Assad sich hält, dürfte die Lage stabil bleiben, sagt Michael Young von der Tageszeitung „Daily Star“, zumal „die Hizbullah kein Interesse daran haben dürfte, als Kanonenfutter für ein Regime herzuhalten, das sich auf dem absteigenden Ast befindet“.

          „Unsere Raketen gibt es und wird es auch weiter geben“

          Angesichts von annähernd tausend Toten und mehr als zehntausend Verhafteten in Syrien seit Mitte März kann ein Übergreifen des Konflikts aber nicht ausgeschlossen werden. Nasrallah ist für diesen Fall gerüstet: „Unsere Raketen gibt es und wird es auch weiter geben“, sagte er am Mittwoch bei der Feier des israelischen Abzugs in der Bekaa-Ebene. „Niemand im Libanon oder anderswo auf der Welt wird jemals in der Lage sein, sie uns wegzunehmen.“

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