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Libanon : Bewaffnete Familienstreitigkeiten

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Nichtstaatliche Grenzkontrolle: Sunnitische Jugendliche stoppen nahe der libanesisch-syrischen Grenze bei Majdel Anjar Fahrzeuge aus Syrien Bild: dpa

Im Libanon bereiten sich alle Kräfte auf die Zeit nach dem Ende des Regimes in Syrien vor - politische Kräfte ebenso wie kriminelle Clans. Entführungen, Kämpfe und Straßenblockaden sind die Folge.

          Was der libanesische Hizbullah-Führer Hassan Nasrallah am Freitagabend sagte, hatte Seltenheitswert - es war das Eingeständnis der Grenzen der Macht der schiitischen Parteimiliz. „Was in den vergangenen beiden Tagen passiert ist, liegt außerhalb der Kontrolle der Hizbullah und der Amal-Bewegung“, sagte Nasrallah. Es ging um die Entführung von zwanzig Syrern und einem Türken durch bewaffnete Mitglieder des schiitischen Meqdad-Clans. Bei einer Pressekonferenz im Süden Beiruts, der von der Hizbullah kontrolliert wird, hatte die Familie mit der Tötung des Türken und weiteren Entführungen gedroht, falls das Clanmitglied Hassan Meqdad nicht freigelassen werde, der am Mittwoch in Syrien von der aufständischen Freien Syrischen Armee (FSA) in ihre Gewalt gebracht worden war.

          Zwar nahmen die Meqdads am Wochenende Abstand von ihrer Drohung mit neuen Entführungen. Doch auch am Freitag und Samstag wurden Syrer in der Nähe des Beiruter Flughafens von maskierten Männern aufgegriffen und verschleppt, ehe sie am Abend wieder auf freien Fuß kamen. Die Polizei machte den Meqdad-Clan dafür verantwortlich. Der christliche Oppositionspolitiker Samir Geagea beschuldigte hingegen Nasrallahs „Partei Gottes“, hinter den Aktionen vergangene Woche zu stehen: „Die Hizbullah schafft erst die Probleme, zu deren Lösung sie danach auffordert, obwohl sie die einzige Partei ist, die dazu in der Lage wäre.“ Gemeinsam mit Ministern der Amal-Bewegung von Parlamentspräsident Nabih Berri und der Freien Patriotischen Bewegung Michel Aouns stellt die Hizbullah die Mehrheit im Kabinett Ministerpräsident Nadschib Miqatis.

          Konflikt im Libanon angekommen

          Anderthalb Jahre nach Beginn der Revolution gegen Syriens Präsident Baschar al Assad ist der Konflikt mit voller Wucht im Libanon angekommen. Die jüngsten Entführungen sind ein Nebenprodukt des Kampfs zwischen Aufständischen und Assads Sicherheitsapparat in Syrien. Schon im Mai brachten Aufständische in der syrischen Stadt Aleppo elf libanesische Schiiten in ihre Gewalt. Auf den Libanon griff das Geiseldrama über, als am Mittwoch voriger Woche Hassan Meqdad entführt wurde - die Freie Syrische Armee unterstellt ihm, im Auftrag der Hizbullah nach Syrien gekommen zu sein, um das Regime bei der Niederschlagung des Aufstands zu unterstützen. Die Meqdads behaupten im Gegenzug, die von ihnen entführten Syrer seien FSA-Kämpfer.

          Bei vielen Libanesen wecken die Entführungen Erinnerungen an die schlimmsten Tage des Bürgerkriegs - und an die Frühphase der Hizbullah. Nach der Besetzung Westbeiruts durch die israelische Armee im Sommer 1982 schlossen sich bewaffnete schiitische Gruppen unter iranischer Führung zur „Partei Gottes“ zusammen, um die Einheiten des damaligen israelischen Verteidigungsministers Ariel Scharon zurückzuschlagen. In den Jahren danach bestimmten Entführungen von Ausländern sowie Bombenanschläge auf amerikanische und französische Soldaten die Politik des „islamischen Widerstands im Libanon“. Erst nach dem Friedensschluss von Taif 1989 begann die Hizbullah langsam, sich ins politische System des Landes zu integrieren.

          Dreißig Jahre nach der israelischen Belagerung Beiruts droht zwar kein neuer Bürgerkrieg. Doch die Gefahr der Destabilisierung wächst. Im nahe der syrischen Grenze gelegenen Tripoli ist es in den vergangenen Monaten mehrfach zu bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen Anhängern Assads und Gefolgsleuten des früheren libanesischen Ministerpräsidenten Saad Hariri gekommen. Auch entlang der Grenze zwischen beiden Ländern in der Bekaa-Ebene liefern sich libanesische und syrische Kräfte immer wieder Gefechte. Zwei Anschläge auf antisyrische Politiker konnten vereitelt werden.

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