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Lage in Libyen : Viagra, Skianzüge und Sturmgewehre

  • -Aktualisiert am

Bild: AFP

Das alte Regime ist verschwunden. In Gaddafis verlassenem Regierungskomplex bedienen sich jetzt Plünderer. Rebellen patrouillieren in Tripolis auch mit Waffen deutscher Hersteller, die sie angeblich im Hauptquartier des Staatschefs erbeutet haben.

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          Die Klimaanlage bläst Wind in das halb offene Sanitätszelt. Vier Schwarzafrikaner liegen auf dem Boden. Sie tragen Zivilkleidung, aber um ihr Handgelenk ist eine grüne Armbinde geschlungen – das Erkennungsmerkmal der Kämpfer Gaddafis. Auf dem Teppich liegen Spritzen, Verbandsmaterial und leere Schachteln von Medikamenten. Bald werden die aufgedunsenen Bäuche der Männer platzen. Und der Leichengeruch unerträglich sein.

          Das Zelt mit dem Roten Halbmond steht neben einem Verkehrskreisel gleich außerhalb der grünen Mauer, die Bab al-Aziziya umgibt, das ehemalige Hauptquartier Gaddafis in Tripolis. Auf dem weitläufigen Platz stehen große Zelte unter Palmen und im Schatten der Bäume vier Kettenpanzer. Ein fünfter ist ausgebrannt. Sein Turm liegt im Gras – von der explodierten Munition im Fahrzeuginnern weggeschleudert.

          Am Straßenrand und auf dem Verkehrskreisel liegen weitere tote Afrikaner, etwa zwei Dutzend Leichname. Über zwei Zelten wehen die Trikoloren von Tschad und Mali – von dort kamen die Söldner Gaddafis. In den Behausungen der Kämpfer sind Kleider, Datteln, Wasserpfeifen, Kämme, Nagellack, Tuben mit Aufhellungscreme und Damenschuhe verteilt. Die Söldner hatten offenbar vor, ihren Frauen Geschenke mit nach Hause zu bringen.

          Neue Munition für den Straßenkampf?
          Neue Munition für den Straßenkampf? :

          Plünderungen in der Residenz des Gaddafi-Clans

          Unser Fahrer Mohammed durchwühlt die Habseligkeiten und ein paar liegengebliebene Fahrzeuge mit platten Reifen, darunter ein gepanzerter BMW. Er nimmt sich eine Wüstenuniform in Originalverpackung, ein rotes Sitzkissen und zwei neue Fußmatten für sein altersschwaches Auto. Die Fahrt geht weiter, vorbei an verlassenen Kontrollposten aus Beton, hinein in die untertunnelte Residenz des Gaddafi-Clans. Bei einem Kampfpanzer vom russischen Typ T-72 bleibt Mohammed stehen und klaubt eine Handvoll hellblauer Viagratabletten aus dem Staub. Gaddafi soll große Mengen des Potenzmittels importiert und an seine Soldaten verteilt haben. Die Rebellen hatten immer behauptet, dass die Pillen die Soldaten dazu animieren sollten, Frauen zu vergewaltigen.

          Mohammed stammt aus Benghasi, er lebt aber schon lange in Tripolis. Nach einem kurzen Zwischenhalt bei Gaddafis ehemaligem Zelt fährt er ins Wohnviertel des Militärkomplexes. Obwohl die Wasserversorgung im Rest von Tripolis zusammengebrochen ist, läuft hier immer noch Wasser aus den Hähnen. Und Mohammed plündert weiter. Auf dem Rücksitz ist inzwischen eine Satellitenschüssel verstaut, im Kofferraum verschwinden Decken, Geschirr, Kochtöpfe und ein Skianzug für Kinder.

          Gebrauchsanleitungen für den Waffengebrauch

          In einer Parallelstraße dienten die Häuser als Waffenlager. Neben ein paar russischen Flammenwerfern befand sich hier fast nur westliches Gerät. Zurückgelassen haben die Plünderer bloß die Verpackungen und die Gebrauchsanweisungen. Neben einer „Gebrauchs- und Pflegeanweisung“ für das finnische Scharfschützengewehr Sako TRG-22/42 liegen Garantiescheine der italienischen Waffenschmieden Beretta und Benelli und ein rotes „Operator’s Manual“ von Heckler & Koch aus Oberndorf. Es ist für das deutsche Sturmgewehr G36 bestimmt. In kürzester Zeit sind in den Häusern sieben dieser Gebrauchsanweisungen zusammengetragen.

          Tatsächlich war schon im März ein Video aufgetaucht, das Gaddafis Sohn Seif al-Islam mit einer G36 zeigte. Damals hatten deutsche Rüstungskritiker der Bundesregierung eine Mitschuld am blutigen Vorgehen der libyschen Sicherheitskräfte gegen die Bevölkerung vorgeworfen. Heckler & Koch versicherte, dass die Firma niemals G36-Gewehre nach Libyen geliefert habe. Als mögliche Erklärung für das Video sah die Waffenschmiede zwei Möglichkeiten: Entweder handele es sich bei dem Schnellfeuergewehr in Seif al-Islams Hand um ein der G36 ähnelndes Luftgewehr, oder die Waffe sei auf illegalem Weg nach Libyen gelangt.

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