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Rebellen fast geschlagen : Aleppos Fall ist eine Frage der Zeit

„Es gibt keine Stadt mehr“: Syrer aus Ostaleppo auf der Flucht Bild: AFP

In Aleppo wird eine symbolträchtige Schlacht geschlagen. Die Rebellen kontrollieren nur noch eine winzige Enklave. Die Lage für Zivilisten wird immer schlimmer.

          3 Min.

          Sie erobern Stadtviertel um Stadtviertel. Immer weiter dringen die Truppen von Baschar al Assad in die Rebellenviertel im Südosten Aleppos vor. Bilder des staatstreuen Fernsehens zeigen feiernde Soldaten in Stadtteilen, die über Jahre unter der Kontrolle der Aufständischen waren. Der Wucht des Großangriffs können sie offenbar nur wenig entgegensetzen. Am Mittwoch war auch die Altstadt für die Rebellen verloren; es ist eine bittere und symbolträchtige Niederlage.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          In den Augen von Abdulkafi al Hamdo führt das Regime einem „Vernichtungskrieg“ in Aleppo. So nennt der junge Mann die Offensive in einem Internet-Chat. Er ist Lehrer gewesen, inzwischen ist er ein Aktivist, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, das Geschehen in seiner Heimatstadt zu dokumentieren und an die Öffentlichkeit zu bringen. Auf die Frage nach der derzeitigen Lage antwortet er: Zehntausende, belagert, zusammengepfercht auf engstem Raum, mit allen möglichen Waffen beschossen, die es so gibt. „Kannst Du dir das vorstellen?“, fragt er. Es passiere „in diesem Moment“.

          Die Rebellen geraten mehr und mehr in die Defensive. Sie kontrollierten am Mittwoch nur noch eine kleine, schrumpfende Enklave im Südosten der Stadt. Zugleich dringen auch Stimmen so erschöpfter wie unzufriedener Einwohner und Assad-Gegner durch, die über die internen Streitereien und auch das Benehmen mancher Rebellenbrigade frustriert sind. Immer mehr Menschen strömen in das schwindende Rebellengebiet, fliehen vor dem Bombardement und Assads Männern. Abdulkafi al Hamdo berichtet von Leuten, die verzweifelt nach einem Arzt suchen oder nach einem Dach über dem Kopf. Von der Begegnung mit einem Kind, dessen Familie habe fliehen müssen, und nun in einer leerstehenden Wohnung in seinem Haus Unterschlupf gefunden habe. Der Junge habe ihn um etwas Trinkwasser anbetteln müssen.

          „Es gibt keine Stadt mehr, nur noch Trümmer und Steine“

          Auch die Lage der Zivilisten, die in Ostaleppo ausharren, wird von Tag zu Tag bedrohlicher. Die Kliniken sind zerstört, die Nahrungsmittel sind knapp, ebenso Wasser oder Treibstoff. Es gibt kaum mehr Medizin. „Es gibt keine Stadt mehr, nur noch Trümmer und Steine“, schreibt der in Aleppo lebende Journalist Rami Zien in einer Chat-Nachricht. Die vergangenen zwei Wochen hätten ungeahnte Zerstörungen gebracht. Die „humanitären Korridore“, von denen Russland spreche, seien bloß Propaganda. Im Hagel der Bomben und Granaten sei es auch sehr schwierig zu fliehen.

          Die Flucht in die Gegenden, die vom Regime kontrolliert werden, gilt vielen aus einem weiteren Grund als zu gefährlich. Der Vormarsch der Truppen des Regimes wurde begleitet von Berichten über Festnahmen junger Männer und Hunderte Vermisste. Assads Leute hätten Männer im Alter zwischen 18 und 40 Jahren festgesetzt und ihnen die Papiere abgenommen, sagt Muhammad Hindayie, ein Medienaktivist wie Abdulkafi al Hamdo. „Wir gehen davon aus, dass das Regime einige von ihnen zwangsrekrutiert“, sagt er. Es wäre nicht das erste Mal.

          Solche Fälle hat es auch nach Waffenstillstandsvereinbarungen zwischen Regime und Rebellen gegeben, wie mit Syrien befasste Diplomaten bestätigen. Mehrere Familien haben den Kontakt zu ihren Angehörigen verloren, nachdem sie den Truppen Assads in die Hände fielen. Doch zahlreichen Familien ist die Flucht in den vom Regime kontrollierten Westteil Aleppos auch gelungen. Viele seien mit dem Beginn der Offensive Ende November gekommen, sagt ein Mann aus Westaleppo, der seinen Namen lieber nicht nennen will. Dort herrscht Jubel über die Geländegewinne des Regimes, das die ersten loyalen Bürger in die eroberten Stadtviertel zurückbringt. Die meisten der Flüchtlinge seien Frauen und Kinder, sagt der Mann. „Wir haben nicht viele Männer gesehen.“ Auch er habe von den Festnahmen gehört.

          Russland verhandelt schon über Bedingungen einer Kapitulation

          Der oppositionelle „Führungsrat von Aleppo“ forderte am Mittwoch eine fünf Tage andauernde Waffenruhe zum Schutz der Bevölkerung. „Zivilisten sollten entweder geschützt werden, oder in sichere Gegenden evakuiert, in denen sie nicht der Gnade Assads und seinen Schergen ausgeliefert sind“, hieß es in einer Erklärung. Darin wurde gefordert, dass die Zivilisten ins nördliche Umland Aleppos gebracht werden, fünfhundert medizinische Notfälle unter UN-Aufsicht behandelt werden, und dass es „Verhandlungen über die Zukunft Aleppos“ gibt.

          Assads Verbündete in Moskau hatten gerade erst gemeinsam mit Peking mit ihrem Veto im UN-Sicherheitsrat einen UN-Resolutionsentwurf blockiert, der eine sieben Tage andauernde Waffenrufe in Aleppo vorsah und Zugang für UN-Hilfslieferungen forderte. Russland verhandelt schon über Bedingungen einer Kapitulation und eines Abzugs der Rebellen – einerseits mit den Vereinigten Staaten, andererseits unter türkischer Vermittlung mit Vertretern maßgeblicher Rebellengruppen aus Aleppo. „Womöglich wollen sie schauen, mit wem sie das bessere Geschäft machen“, sagt ein Diplomat. Nach Angaben aus der bewaffneten Opposition erwägen manche Rebellengruppen in Aleppo tatsächlich einem solchen Waffenstillstand und Abzug zuzustimmen.

          Ein jetziger Waffenstillstand, der es den in die Defensive geratenen Rebellen erlauben würde, sich zu sammeln und neu zu sortieren, wäre nicht im Interesse Moskaus. Auch Damaskus hat deutlich gemacht, man werde einem Waffenstillstand nur unter der Bedingung zustimmen, dass alle Rebellen aus Aleppo abziehen. Abdulkafi al Hamdi will vorerst bleiben. „Auf keinen Fall“ gehe er in die vom Regime kontrollierten Regionen. Wie lange die Rebellen noch standhalten können? „Das weiß niemand.“

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