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Lage in Aleppo : Über Frieden spricht niemand mehr

Alles zerstört: So sieht es derzeit vielerorts in Aleppo aus Bild: AFP

In Aleppo deutet nichts auf einen schnellen Sieg von Assads Truppen hin. Doch eines hat der syrische Machthaber schon erreicht.

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          „Mein Land hat zwei Hauptstädte: Damaskus und Aleppo“, sagte Baschar al Dschaafari. Der Gesandte von Baschar al Assad bei den Vereinten Nationen ließ während der Sitzung des UN-Sicherheitsrates am Sonntag keinen Zweifel daran, dass das syrische Regime eine militärische Lösung erzwingen will. Auch dort, wo nach den kühnen Plänen des amerikanischen Außenministers John Kerry eigentlich der Grundstein für eine militärische Kooperation mit Moskau und womöglich gar neue Friedensverhandlungen gelegt werden sollte: an der wichtigsten Front, der Front in Aleppo.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Nicht einen Zoll syrischen Bodens werde Damaskus aufgeben, bekräftigte er. Die syrische Regierung wolle selbstverständlich ganz Aleppo unter seine Kontrolle bringen. Die Armeeoffensive, die vor einigen Tagen in der nördlichen Großstadt angelaufen sei, habe das Ziel, die Menschen vor dem Terrorismus zu schützen. Die Armee habe die Zivilisten im von den Rebellen gehaltenen Osten der Stadt auch aufgerufen, sich von Terrororganisationen fernzuhalten, die sie als Geisel genommen hätten.

          Und auch die russischen Verbündeten behaupten, Assads Armee versuche, zivile Opfer zu vermeiden. Sie hat Flugblätter über Aleppo abgeworfen und die Rebellen aufgefordert, zu kapitulieren.

          Zivilisten im Kreuzfeuer

          Die Berichte, die aus dem von jahrelangen Kämpfen gezeichnetem einstigen Wirtschaftszentrum an die Öffentlichkeit dringen, zeichnen allerdings ein völlig anderes Bild. Seitdem die fragile Waffenruhe, die Washington und Moskau ausgehandelt hatten, vergangene Woche vollständig zusammengebrochen ist, gehen Bomben auf die von der Opposition gehaltenen Viertel nieder. Es sei das heftigste Dauerbombardement seit Beginn des Krieges, heißt es von Einwohnern.

          Und vor allem sind Zivilisten die Leidtragenden. Ein Aktivist des Zivilschutzes der „Weißhelme“, die Überlebende aus den Trümmern retten und Leichname bergen, berichtete dem Sender Al Dschazira, mehrere Fahrzeuge und Einsatzzentralen seien bei den jüngsten Luftangriffen getroffen worden.

          Die Hilfsorganisation „Save the Children“ teilte mit, etwa die Hälfte derer, die aus den Trümmern gezogen würden, seien Kinder. Wieder, so berichten Helfer und Einwohner, seien Kliniken angegriffen worden. Nach Angaben der Vereinten Nationen wurden weit mehr als zweihundert Zivilisten in den vergangenen Tagen getötet, viele von ihnen Frauen und Kinder.

          Rebellen berichten, das russische Militär bombardiere Wohngebiete und setze dabei auch weißen Phosphor ein, was international geächtet ist. Schon länger kritisieren Opposition und Menschenrechtsorganisationen den Einsatz von Streubomben. Generalsekretär Ban Ki-moon, sagte, es gebe Berichte, nach denen Brandbomben und bunkerbrechende Waffen eingesetzt wurden.

          Der Syrien-Sondergesandte der Vereinten Nationen, Staffan de Mistura sagte, die russischen Bomben in Aleppo erzeugten einen Feuerball, der die nächtliche Dunkelheit taghell erleuchte. Bilder, die von oppositionellen Medienaktivisten, verbreitet werden, zeigen tiefe Bombenkrater und vollständig zerstörte Gebäude.

          Gegenseitige Blockade von Trinkwasservorräten

          Die Bombenangriffe auf zivile Infrastruktur binden Ressourcen der Rebellen, die nicht nur mit den anrückenden Soldaten Assads und verbündeten Milizionären konfrontiert sind; Iran soll die Tage verhältnismäßiger Ruhe genutzt haben, um seine Milizen an der Aleppo-Front zu verstärken.

          Die Rebellengruppen sind auch mit Problemen wie zusammenbrechender Gesundheits- oder Wasserversorgung konfrontiert. Nach UN-Angaben beschädigte das Regime ein Pumpwerk, das Teile des Ostens von Aleppo versorgt. Die Menschen dort sind nun gezwungen, verseuchtes Wasser zu trinken. Als Vergeltung blockierten die Rebellen ein Pumpwerk für den vom Regime gehaltenen Westteil der Stadt, wo sich die Menschen allerdings noch aus Tiefbrunnen versorgen können.

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